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Völkermorde

Verband Hessischer Geschichtslehrerinnen und -lehrer VHGLL

Bericht von der Jahrestagung des VHGLL
Samstag, den 5. Mai 2018
Goethe-Universität Frankfurt Campus Westend, Seminarhaus Raum 5.104

Hauptthema am Vormittag:
Schwierige Erinnerung:
Frühe Völkermorde des 20. Jahrhunderts

Deutsch-Südwestafrika (Herero) und Osmanisches Reich (Armenier)

Am Nachmittag:
Gedenkorte in Frankfurt an die NS-Verbrechen
Pädagogische Angebote

 

Sandfeld_1904

Zweimal Tod in der Wüste: 1904 / 1915

"Nirgends eine Spur von Leben - nirgends Aussicht,. Wasser zu finden."

Übersicht:

1. Prof. Dr. Henning Melber (Uppsala/Pretoria):
Völkermord in Deutsch-Südwestafrika aus heutiger Sicht

2. Prof. Dr. Ulrich Sieg (Marburg):
Der Völkermord an den Armeniern


3. Sophie Schmidt (Pädagogisches Zentrum):
Die Deportationen von der Frankfurter Großmarkthalle

4. Gottfried Kößler (Fritz Bauer Institut / Pädagogisches Zentrum):
Das Wollheim-Memorial

Illustration in: Deutsche Reiter in Südwest. Selbsterlebnisse aus den Kämpfen in Deutsch-Südwestafrika. Nach persönlichen Berichten bearbeitet von Friedrich Freiherr von Dincklage-Campe, Generalleutnant a.D., Berlin u.a.o. (Dt. Verlagshaus Bong), s.d. [1908] S. 185f.)

Zur Einführung:
Schwierige Erinnerung

Dr. Wolfgang Geiger

Das Thema unserer Jahrestagung in Zusammenarbeit mit dem Fritz-Bauer-Institut war die „schwierige Erinnerung“ an „frühe Völkermorde des 20. Jahrhunderts“, verbunden mit einer Präsentation der Angebote von „Gedenkorten in Frankfurt an die NS-Verbrechen“ am Nachmittag.

„Schwierige Erinnerung“ ist im doppelten Sinne zu verstehen: im ursprünglichen (durch Vergessen) wie im davon abgeleiteten (durch Verdrängen). Beides kommt häufig zusammen. Ein Beispiel für ersteres lieferte gerade ein paar Tagen vor der Veranstaltung die Ankündigung eines armenischen Liedes in HR2. Das Lied thematisierte den Ararat und die Moderatorin im Radio meinte dazu erklären zu müssen (ich zitiere aus dem Gedächtnis): „Der Berg ist für die Armenier heilig, obwohl er in der Türkei liegt.“ Abgesehen davon, dass hier ein kulturhistorischer Bezug zum Alten Testament angebracht gewesen wäre, zeugt dieser Hinweis davon, dass der Moderatorin offenbar nicht klar war, dass der Ararat natürlich auf historisch armenischem Gebiet liegt, jenem östlichen Teil der heutigen Türkei, in dem nahezu keine Armenier mehr leben. In der Biblia Vulgata des Mittelalters hieß der Berg oder vielmehr das Gebirge übrigens montes Armeniae.

Gedenken braucht also zuerst Erinnerung und ein Ziel von Genoziden ist ja auch die Auslöschung aus dem kulturellen Gedächtnis. Um beides geht es heute: Um das historische Geschehen und um die schwierige Erinnerung daran, auch im zweiten genannten Sinne.

Ein anderes Schlaglicht. Als der Bundestag sich 2016 endlich zu einer Resolution zum Völkermord an den Armeniern durchgerungen hat, gab es regierungstürkische Gegenpropaganda, in der unter anderem damit argumentiert wurde, es könne keinen Völkermord gegeben haben, wo es diesen Begriff noch gar nicht gab. Welche eine Logik! Dieses Argument gibt es allerdings auch von deutscher Seite in der Frage der Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama. In einer Erklärung auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion erklärte die Bundesregierung im Juli 2016, ”dass ein Völkermord ’in einer historisch-politisch geführten öffentlichen Debatte’ auch in einem ’nicht rechtlichen’ Sinn definiert werden könne. Es bleibe allerdings bei der Position, dass allein aus der Verwendung des Völkermordbegriffs keine Rechtsfolgen für Deutschland entstünden.“ Soweit nach der FAZ. In der taz berichtete Jürgen Zimmerer im Januar dieses Jahres, dass der US-amerikanische Anwalt der Bundesregierung gegen die in New York eingereichte Klage von Herero und Nama argumentierte, „dass er den Begriff des Genozids, der 1948 internationales Recht wurde, als nicht rückwirkend gültig erklärt. „Der juristische Begriff des Völkermordes“, so das Schreiben, „ist auf die mutmaßlichen Gräueltaten, die zwischen 1885 und 1909 stattfanden, nicht anwendbar.“

Nicht erst seit diesen politischen Debatten sind die beiden Genozide in Deutsch-Südwestafrika und im Osmanischen Reich als umstrittene Themen historischer Erinnerung verstärkt n die öffentliche Debatte gekommen. Die Herero und Armenier waren im jeweiligen historischen Kontext auch nicht die einzigen Opfergruppen, sondern stehen nur herausgehoben für die Opfer von Vernichtungsstrategien im frühen 20. Jahrhundert.

Dabei stellen sich natürlich auch andere Fragen für den Umgang im Unterricht damit, die in die Diskussion heute einfließen können, aber nicht direkt das Thema der beiden Referenten ist. Es kann uns passieren, dass unsere Schüler/innen, wenn wir diese Genozide im Unterricht behandeln, zusätzlich zum Holocaust und zeitlich ihm vorausgehend, zu der Schlussfolgerung kommen, der Holocaust sei dann doch nur ein Völkermord unter anderen gewesen, also nichts Besonderes, Genozide seien sozusagen normale Begleiterscheinungen von Kriegen gewesen. Oder aber, angesichts der deutschen Verantwortung bei all diesen Völkermorden – auch im Armeniergenozid gab es ja eine politisch-militärische Implikation von deutscher Seite –,sie reagieren darauf, dass sie nicht immer nur mit der deutschen Schuld konfrontiert werden wollen. Beides ist möglich, dazwischen müssen wir hindurchnavigieren.

 

„Bundesregierung stuft Herero-Massaker als Völkermord ein“, FAZ, 13.7.2016.

Jürgen Zimmerer: Klage der Herero gegen Deutschland. Völkermord? Nicht zuständig, taz, 24.1.2018.

Prof. Dr. Henning Melber (Uppsala/Pretoria):
Völkermord in Deutsch-Südwestafrika aus heutiger Sicht

Historische Sachlage

In Namibia ist die geschichtliche Erinnerung immer präsent, bei Alt und Jung, sie durchzieht auch Familien durch ihre verschiedenen Ahnen selbst in der schwarzen namibischen Bevölkerung.

Vor dem Holocaust fand in Deutsch-Südwestafrika der erste deutsche Völkermord statt. Dazu gibt es im öffentlichen Bewusstsein in Deutschland einen Nachholbedarf, schon Namibia dürfte deutschen Schülern wenig bekannt sein.  Die deutsche Kolonialherrschaft wurde schon durch einen Betrug des Kaufmanns Lüderitz an der einheimischen Bevölkerung begründet, aufgrund der klimatischen Verhältnisse war dies das einzige Gebiet, das sich für eine Besiedlung durch Deutsche wirklich eignete.

Die Nama („Hottentotten“) und Ovaherero* verloren Weideland an die Siedler. Vor der Jahrhundertwende wurde Maharero von den Deutschen in die Funktion eines „Oberhäuptlings“ gebracht, trotzdem kam es Im Januar 1904 zu einem Aufstand unter seiner Führung gegen die Deutschen. Es war ein Kampf um das Weideland und gegen die Verdrängung der Herero (deutscher Sprachgebrauch). Beim Aufstand wurden deutsche Farmer getötet, Frauen und Kinder sollten explizit verschont werden.

Dies wurde als Kriegserklärung aufgefasst. Die „Entscheidungsschlacht“ am Waterberg blieb ohne eindeutigen Erfolg. Die Herero flohen nach Osten in das Sandfeld (Omaheke-Wüste) mit dem Ziel, nach Britisch-Betschuanaland durchzukommen. Die Absperrung der Omaheke und ihrer Wasserstellen im Oktober 1904 durch das deutsche Militär erfüllt die Definition des Völkermordes.

Als Reaktion auf die Vernichtung der Herero erhoben sich die Nama unter Hendrik Witbooi, dem in dem Roman von Uwe Timm über Jakob Morenga ein eindrucksvolles literarisches Vermächtnis gesetzt wurde. Witbooi wandte eine Guerillataktik an, konnte den Konflikt damit in die Länge ziehen aber trotzdem keinen Erfolg erzielen.

Wichtig ist für die historische Wahrnehmung, dass die Afrikaner hier keine hilflosen Opfer waren, sondern handelnde Subjekte, Widerständler.

Die überlebenden Herero und Nama wurden durch die deutsche Mission zur Zwangsarbeit in Konzentrationslagern gezwungen, es kam zu Vergewaltigungen und Misshandlungen, abgesehen von den Inhaftierungsbedingungen, so dass einige Missionare darüber entsetzt waren. Die Sterblichkeitsziffer war extrem hoch (80%) aufgrund von Mangelernährung, Zwangsarbeit und klimatischen Bedingungen (extrem kalt auf der Haifischinsel), was auch den Widerspruch des Offiziers von Estorff hervorrief.

Die Kolonialideologie entmenschlichte die Opfer als „Barbaren“, „Affen“; die Apartheid war in Namibia bereits eine deutsche Erfindung (Missionar Heinrich Vetter im Senat Südafrikas )

Nach dem Ende der deutschen Kolonalzeit durch den Ersten Weltkrieg gab es eine umfangreichere Kolonialliteratur zu Deutsch-Südwest als zuvor: Peter Moors Fahrt nach Südwest wurde unter anderem als Literatur für Soldaten in Stalingrad ausgegeben. Hans Grimms Volk ohne Raum wurde als einziges Buch auf der Weltausstellung in Chicago 1933/34 als “deutsches Kulturgut” vorgestellt.

 

Erklärungen

Historische Erklärungen zu den deutschen Genoziden schwanken zwischen der Kontinuitätsthese und der vom nicht linearen Weg. Gewaltbereitschaft war bei anderen Kolonialmächten ebenso vorhanden, es handelte sich hier um keinen deutschen Sonderweg. Hannah Arendt zog iin ihrer Imperialismusstudie eine mentalitätsgeschichtliche Linie zum Holocaust.

Aus den deutschen Kolonien und namentlich aus Deutsch-Südwest kam „Negermaterial“ für anthropologische Forschungen nach Deutschland, das in den 1930er und 40er Jahren für die NS-”Rassenkunde” neue Verwendung fand. Hier zeigt sich auch eine biographische Kontinuität in der Person von Franz Ritter von Epp. Außerdem verwies er auf den NS-Rassenkundler Eugen Fischer und damit verbunden die Aufarbeitung der Zusammenhänge zwischen der Rassenforschung im deutschen Kolonialismus und im Nationalsozialismus durch Benno Müller-Hill.

Die Definition des Völkermordes und die UN-Konvention zum Völkermord 1947 wurden entscheidend von Raphael Lemkin geprägt und bezogen sich zunächst vor allem auf den Holocaust. Lemkin hat aber seine Untersuchungen beim deutschen Kolonialismus begonnen. Aus der Übertragung der Kategorie  Völkermord auf andere Massenmorde entstand in der Völkermordforschung der Vorwurf der Relativierung des Holocaust. Aber jeder Völkermord ist singulär, Anerkennung ist keine Relativierung.

 

Historische Aufarbeitung

Es gab de facto keine Kolonialismuskritik in der frühen BRD, trotz oder wegen personeller Kontinuitäten in Geographie, Ethnologie, dagegen in der DDR eine Aufarbeitung Imperialismus in Verbindung mit einer, Kritik am Westen. Ende der 1960er Jahre gab es je 1 Dissertation Über historischen Sachverhalt: Horst Drechsler (Ost) stützte sich auf die Archivforschung, Helmut Bley (West) war von der Analyse Hannah Arendts inspririert.

Entscheidend ist für den Tatbestand des Völkermordes, dass eine Absicht der Vernichtung bestand. Auch der „Entzug der Reproduktionsgrundlage“ erfüllt den Tatbestand des Völkermordes.

1985, anlässlich des  100. Jahrestages der Berliner Afrikakonferenz, gab es immer noch  = wenig Literatur über die Kolonialgeschichte. Zum Beispiel sollte man fragen: Für wen und durch wen wurden Straßen und Eisenbahnen gebaut? Auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, vor allem in Großbritannien, gibt es eine Kontroverse über “gute” und “schlechte” Seiten des Kolonialismus.

Blogs und Antworten auf kolonialkritische Artikel im Web sind zu 80% rassistisch.

Die Bundesrepublik erkennt eine besondere deutsche Verantwortung für die ehemalige deutsche Kolonie Namibia an, dabei galt die bis vor 2 Jahren prioritär der deutschsprachigen Bevölkerung  In Namibia, die pro Kopf die höchste entwicklungspolitische Zuwendung bei insgesamt nur 2,3 Mio Einwohnern erhielt.

Entschädigungsforderungen gegenüber Deutschland sind eigentlich auch gegenüber Südafrika gerechtfertigt, das nach dem 1. Weltkrieg quasi die koloniale Verwaltung Namibias fortsetzte. Vor 1990 gab es keine völkerrechtliche Einheit Namibia.

Die namibische Regierung wird seit der Unabhängigkeit durch die SWAPO gestellt, die überwiegend aus Vertretern der Ovambo besteht und kein Interesse an einer Sonderrolle der Herero hat.

2000 wurde ein erstes Gerichtsverfahren in New York, angestrengt von auch in den USA lebenden Nachkommen der  Herero, gegen private Profiteure aus der Kolonialherrschaft abgelehnt: Die Herero seien kein völkerrechtliches Subjekt.

Hundert Jahre nach dem “Deutsch-Namibischen Krieg“ gab es 2004 150 Einzelaktionen von NGOs, Heidi Wieczorek-Zeul, damalige Entwicklungsministerin, nahm an der Gedenkfeier am Waterberg teil und äußerte eine Bitte um Entschuldigung im Sinne des Vaterunser. Außenminister Joschka Fischer betonte jedoch, dass dies keine entschädigungsrelevante Entschuldigung sei. Die Bild-Zeitung kommentierte: „Typisch Frau“ Sentimentalität könnte Milliarden kosten, zitierte Melber.

Die Diskussion wurde 2015 durch die Völkermord-Resolution zu den Armeniern im Bundestag neu entfacht. Präsident Erdogan verwies im Vergleich auf den ersten Völkermord im 20. Jh., nämlich an den Herero, und den deutschen Umgang damit. Seither ist auch der Völkermord an den Herero in allen Medien. Die UNO hat ihn schon vor 30 Jahren als Völkermord bezeichnet, seither gibt es Verhandlungen auf verschiedenen Ebenen und Streit um die Frage, wie man sich entschuldigt.

Wichtig dabei ist auch, dass es hier nicht dieselbe Konstellation Sieger/Besiegte wie beim Holocaust gibt, wo die Täter später als Besiegte sich dafür verantworten mussten. Außerdem wäre die Anerkennung der Entschädigung ein Präzedenzfall für alle ehemaligen Kolonialmächte und ist daher nicht erwünscht. So gebe es auch Versuche, im Völkermordbegriff zurückzurudern.  Dabei sei finanzielle Höhe einer Entschädigung eigentlich irrelevant, primär gehe es um die Anerkennung.

Die 2007 beschlossene UN-Konvention zum Recht indigener Völker legt fest, dass Verhandlungen nur unter Einbeziehung der Betroffenen stattfinden dürfen.

 

Heutige Situation in Namibia:

Der südliche Landesteil sei total marginalisiert, beklagte Melber, die Landfrage nach wie vor ungeklärt: ein Relikt des Kolonialismus. Nach der Machtübernmahme durch die SWAPO habe es enen Deal gegeben, wonach Weiße ihr Land und ihre Privilegien behalten durften.

Die erste Botschafterin Namibias in Deutschland war Nachfahrin einer vergewaltigten Herero. In diesem Zusammenhang verwies Melber auf das Buch von Martha Mamozai: Herrenmenschen, Frauen im deutschen Kolonialismus.

Es stelle sich dann die Frage, ob umgekehrt der deutsche Botschafter in Namibia nur für die deutschsprachige Bevölkerung “zuständig” sei?.

 

Empfehlung:

Nach existierenden Vorbildern zu anderen vergleichbaren historischen Themen wäre die Gründung einer deutsch-namibischen Schulbuchkommission sinnvoll.


Bücher von Henning Melber:

Henning Melber (Hg.): Genozid und Gedenken. Namibisch-deutsche Geschichte und Gegenwart, Frankfurt/M. (Brandes & Apsel), 2005.

Reinhart Kößler / Henning Melber: Völkermord - und was dann? Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbewältigung. Vorwort von Heidemarie Wieczorek-Zeul, Frankfurt/M. (Brandes & Apesel), 2017.

Henning Melber: Namibia. Gesellschaftspolitische Erkundungen seit der Unabhängigkeit, Frankfurt/M. (Brandes & Apsel), 2015, 2. erweiterte Aufl. 2017.

 

2. Prof. Dr. Ulrich Sieg (Marburg):
Der Völkermord an den Armeniern

Prof. Dr. Ulrich Sieg eröffnete seinen Vortrag über den Genozid an den Armeniern damit, die Aktualität und die Brisanz des Themas hervorzuheben. Es schlage Wellen, sei mal mehr mal weniger im Blickpunkt.

Insbesondere von türkischer Seite gebe es Beeinflussungsversuche und Drohungen, so z.B. gegen Orhan Pamuk oder auch gegen eine Lehrerhandreichung des Landes Sachsen-Anhalt im November 2016..

Sieg verdeutlichte, dass der Völkermord an den Armeniern, also an der Bevölkerung, begangen worden sei, aber auch an der armenischen Kultur, d.h. an den Schriften, an der Religion. Er habe eine Vorgeschichte, die bis zur Berliner Konferenz zurückreiche.

1854 stand das Osmanische Reich vor dem Staatsbankrott. Vor dem Hintergrund der britisch-russischen Spannungen ging es auf der Berliner Konferenz darum, das Osmanische Reich zu erhalten um die Russen vom Bosporus fernzuhalten.

Nach dem Frieden von San Stefano 1878 (Russisch-türkischer Krieg) ziehen russische Soldaten durch Konstantinopel. Erneut stellte sich die Frage der Eindämmung der russischen Expansion.

Sultan Abdülhamid II. erlebt heute eine große Verherrlichung im türkischen Fernsehen. Mit einer autoritären Politik verfolgte er nationalistische Ziele und entwickelte eine Kampfideologie gegen den Westen. Dadurch veränderte sich rasch die Lage der Minderheiten, zumal es im Reichsgebiet bis 1870 keine muslimische Mehrheit gab (christlicher Balkan).

Religiöse und ethnische Fragen überlagerten sich hinsichtlich der Armenier.  (Armenien = Hajastan in der eigenen Sprache).

1894-96 kam es zu ersten Pogromen, den sog. hamidischen Massakern, mit 100- 300.000 Opfern je nach Schätzung. Armenier durften keine Waffen tragen. Konflikte mit kurdischen Stammesfürsten kamen ufgrund des sich überschneidenden Siedlungsgebietes hinzu. Seit Mitte der 1890er Jahre gab es Berichte in deutschen Zeitungen.

War der Armenier-Genozid vorher absehbar?

Das „Komitee für Einheit und Fortschritt“ der jungtürkischen Nationalisten, von denen viele Mitglieder in Frankreich eine Ausbildung erfahren hatten, hat wenig Quellen hinterlassen. Sein Weltbild war ein Mix aus Nationalismus und Fortschrittsglauben (Modell: Meiji, Japan) und betrieb intensive Öffentlichkeitsarbeit.

Die Balkankriege waren für die weitere Entwicklung entscheidend, sind allerdings in der Wahrnehmung bei uns durch den 1. Weltkrieg überschattet worden. Der Balkan war das eigentliche Herzstück der osmanischen Macht. Nach dessen Verlust wurde eine neues „Herzland“ gesucht und in Ostanatolien gefunden, wo Kurden, Jeziden und Armenier lebten, insges. 1,5 Mio Christen.

Die Balkankriege brachten auch erste, von den Westmächten favorisierte Bevölkerungstransfers mit sich, in denen Türken vom Balkan vertrieben wurden.

Propaganda sei in diesem Zusammenhang u.a. auch von Karl May betrieben worden, der Juden, Yankees und eben auch Armenier als größte Feinde der Menschheit betrachtete. Einer der Zuhörer bei einem Vortrag Mays in Wien war Adolf Hitler.

Gründe für den Hass auf die Armenier hätten in Neid und Missgunst gelegen, da sie als ungewöhnlich erfolgreich angesehen worden seien.

Im Vorfeld des 1. Weltkrieg entstand schon ein Bündnis des Osmanischen Reiches mit Deutschland gegen Großbritannien und Frankreich, die im Nahen Osten schon präsent waren bzw. ihre imperialistischen Interessen nicht verheimlichten.

Der Kaukasusfeldzug gegen die Russen war ein Größenwahnsinn Enver Paschas, da die Soldaten nicht ausreichend ausgerüstet waren. Für die Niederlage wurden dann in den Armeniern ein Sündenbock gefunden. Aufgrund bereits langer Vorarbeit entwickelte sich schnell das Bild des „inneren Feindes“ als 5. Kolonne der Russen (zumal die Armenier als Volk zwischen Osmanischem und Russischem Reich aufgeteilt waren).

Zum Genozid ist die Quellenlage reichhaltig hinsichtlich der Fakten, aber schlecht hinsichtlich der Absichten. Gab es generelle Pläne oder haben sich die einzelnen Schritte nach und nach entwickelt? Organisatorisch war der Ablauf von großer Strenge und erfasste Journalisten und Intellektuelle zuerst: erste Verhaftung von 235 Personen am 24.4.1915. Am 25.5.1905 begann die Wüstenaktion.

Die deutsche Haltung war: Niemals die Waffenbrüderschaft mit den Türken gefährden, es ging um die Front in Mesopotamien (Kaukasus) gegen die Russen.

Von einer Bevölkerungszahl von ca. 2 Mio wurden 800 000 bis 1,3 Mio. Armenier wurden vertrieben oder zwangsverheiratet. Sie wurden gezwungen, türkische Identitäten anzunehmen. Sie wurden entmenschlicht, indem sie in die Wüste getrieben wurden und die einzige Möglichkeit zu überleben im Kannibalismus lag.

Durch den Einsatz kurdischer Soldaten wurden die speziellen Spannungen zwischen Kurden und Armeniern ausgenutzt. Mit den Deportationen wurde auch der armenische Besitz beschlagnahmt, nach Götz Aly ein mit entscheidendes Motiv.

Das deutsche Kaiserreich trägt eine Mitverantwortung. Das Buch von Johannes Lepsius wurde verboten, aber innerhalb weniger Tage wurden 20.000 Exemplare vertrieben. An der Darstellung von Armin T. Wegener stimme jedoch etliches nicht.

Raphael Lemkins Analyse des Völkermordes und Definition des Begriffes orientierte sich entscheiden am Armenier-Genozid.

Von der westlichen Staatengemeinschaft erkennen mehr als 20 Länder den Genozid an den Armeniern an. Doch die Türkei sei noch „der Säbel der NATO“ dort. So sei der Historiker skeptisch über die Erfolgsaussichten von Wandlung, erklärte Sieg. Die Armenier heute wollen vor allem mit ihrer Geschichte wahrgenommen werden. Die Historiker sollten daher den Verstehenshorizont des 1. Weltkrieges entsprechend ausweiten. Dazu gehören auch die Nachkriegskonferenzen. Im Vertrag von Sèvres war Armenien ursprünglich als Abstimmungsgebiet vorgesehen, dies wurde dann allerdings im Vertrag von Lausanne gekippt. Dies sei „der letzte armenische Moment“ gewesen – trotz des vorangegangenen Genozids am Großteil des Volkes.

Ronald Gregor Suny: A History of the Armenian Genocide. Princeton University Press, 2015.

Im Unterricht sollte an das Gerechtigkeitsempfinden der Schülerinnen und Schüler appelliert werden und an den Willen, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, auch wenn das Thema in Klassen mit Jugendlichen türkischer oder armenischer Herkunft möglicherweise vorbelastet sei.

Die oben genannte Lehrerhandreichung "Genozid als Thema schulischen Unterrichts" kann für 5 Euro über das Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA) bestellt werden..

Abschließend wurde in der Diskussion noch darauf hingewiesen, dass es in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme historisch-pädagogisch ein Konnex zwischen Holocaust und Kolonialismus gezogen werde.


Publikation von Ulrich Sieg zum Thema:

Ulrich Sieg: Deutsche Intellektuelle und ihre Haltung zu Armenien im Ersten Weltkrieg, in: Rolf Hosfeld (Hg.): Johannes Lepsius - Eine deutsche Ausnahme: Der Völkermord an den Armeniern, Humanitarismus und Menschenrechte. Göttingen (Wallstein), 2013, S. 110-125.

 

3. Sophie Schmidt (Pädagogisches Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt):
Die Deportationen von der Frankfurter Großmarkthalle

Sophie Schmidt berichtete über das Pädagogische Angebot zum Thema „Deportationen von der Frankfurter Großmarkthalle“. Zunächst skizzierte sie die Geschichte des Ortes. Die Frankfurter Großmarkthalle wurde 1928 eröffnet und war ein monumentaler Hallenbau und ein Vorzeigeprojekt des “Neuen Frankfurt“. 1941 bis 1945 benutzte die Geheime Staatspolizei den Keller der Großmarkthalle als Sammelplatz für die als Juden Verfolgten. Bei laufendem Marktbetrieb fand die gewaltsame Verschleppung von nahezu 10 000 Menschen in Ghettos, Konzentrationslager und Vernichtungslager statt. Nähere Informationen zur Geschichte der Großmarkthalle unter: https://tinyurl.com/43gro33

Heute sind Teile der ehemaligen Großmarkthalle Bestandteil des Neubaus der Europäischen Zentralbank. Seit  Ende November 2015 existiert eine Erinnerungsstätte auf dem Gelände. Sie soll dazu beitragen, die Erinnerung an die Verschleppten und Ermordeten – aber auch an die Verantwortlichen und die Zuschauer dieser Verbrechen wach zu halten. Neben einem Rundgang mit inhaltlicher Einführung bietet das Pädagogische Zentrum drei Workshopformate an: 1. Deportationen – ein Überblick; 2.  Deportationen – wer profitiert davon? 3. Formen des Erinnerns und Gedenkens. In letzterem Workshop können Schülerinnen und Schüler auch einige Entwürfe aus dem Wettbewerb für die Gestaltung des Ortes kennen lernen und diskutieren, was sie für einen angemessene Form der Erinnerung halten.

 

 

4. Gottfried Kößler (Fritz Bauer Institut / Pädagogisches Zentrum):
Das Wollheim-Memorial

Gottfried Kößler referierte zunächst über die Bedeutung der IG Farben Konzern für den Holocaust. Die Konzernzentrale wurde 1930 fertiggestellt, auf dem Gelände befinden sich heute Teil der Frankfurter Goethe-Universität. Der Chemiekonzern ließ ab 1941 in unmittelbarer Nähe zu dem Konzentrationslager Auschwitz die größte chemische Fabrik im von Deutschland eroberten Osteuropa bauen. Neben deutschen Fachkräften setzte das Unternehmen tausende von Häftlingen aus dem KZ Auschwitz, aber auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus ganz Europa ein. Für die zunehmende Zahl von KZ-Häftlingen errichteten der Konzern und die SS, die eine intensive Zusammenarbeit miteinander verband, 1942 das firmeneigene KZ Buna-Monowitz. An diese Vergangenheit erinnert das auf Unigelände befindliche Wollheim-Memorial. Norbert Wollheim, Überlebender des Konzentrationslagers Buna-Monowitz verklagte 1951 den Konzern in einem Musterprozess erfolgreich auf Entschädigung.

Umfangreiche Informationen und Arbeitsmöglichkeiten bietet die Homepage des Wollheim-Memorials:  http://www.wollheim-memorial.de/ So können Videointerviews mit überlebenden Häftlingen in verschiedenen Sprachen für den Unterricht genutzt werden. Umfangreiches Download-Material gibt es zur Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, insbesondere beim I.G. Farben Konzern, zur Frage der Entschädigung, verschiedenen Prozessen in der Nachkriegszeit und Formen des Gedenkens. Für die Oberstufe bietet das Pädagogische Zentrum bietet einen mehrstündigen Workshop vor Ort an. 

 

HenningMelber

Henning Melber
Mehr auf Wikipedia

* Ova- ist ein Pluralpräfix in den dortigen Sprachen, vgl. auch das Volk der Ovambo.

Bundesarchiv_Bild_137-003174,_Samuel_Maharero

Samuel Maharero
Nundesarchiv / Wikimedia Commons

Witboi

Hendrik Witbooi
Wikimedia Commons

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, Frankfurt a.M. (EVA) 1955 u.sp.
Vgl. Wikipedia
Vgl. Dan Diener auf Docupedia

Benno Müller-Hill: Tödliche Wis- senschaft. Die Aussonderung von Juden, Zigeunern und Geisteskranken 1933-1945. Reinbek b. Hamburg (rororo), 1984.

Horst Drechsler: Südwestafrika unter deutscher Kolonial herr- schaft. Der Kampf  der Herero und Nama gegen den deutschen Imperialismus. [1884-1915], Berlin (Akademie-Verlag)1966; Stuttgart (Steiner) 1984.

Helmut Bley: Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894-1914. Hamburg (Leibniz-Verlag), 1968.

Vgl. Christiane Bürger: Deutsche Kolonialgeschichte(n). Der Genozid in Namibia und die Geschichtsschreibung der DDR und BRD. Bielefeld (Transcript), 2017. Rezension auf HSozKult

Botschafterin 1992-96: Nora Schimming-Chase, siehe Eintrag auf Wikipedia

Martha Mamozai: Herren- menschen - Frauen im deutschen Kolonialismus.Reinbek b. Hamburg (rororo), 1982.

Materialien zu Deutsch-Südwestafrika, zum Herero-Aufstand und Genozid auf Geschichtslehrerforum

sieg

Ulrich Sieg, mehr auf Wikipedia und staff.uni-marburg

Lehrerhandreichung Sachsen-Anhalt und Protest:

Vgl. Mehmet Alkan: Vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei, 27.10.2014, BpB

Komittee für Einheit und Fortschrift, Wikipedia

Balkankriege, BpB; “Krisenherd Balkan”, Geschichtslehrerforum

Karte der Völker im Osmanischen Reich 1913, aus dem Shepherd-Atlas, Wikipedia

Vertreibung und Abwanderung der Muslime vom Balkan, EGO (Europäische Geschichte Online)

Enver Pascha, Kriegsminister, Wikipedia

 

 

Aghet-Genozid an den Armeniern, BpB, Wikipedia

Johannes Lepsius, Wikipedia
Johannes Lepsius: Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei. Tempelverlag in Potsdam, 1916

Armin T. Wegener, Wikipedia

Raphael Lemkin, Wikipedia (Siehe auch oben Vortrag Melber)

Lehrerhandreichung Sachsen

KZ-Gedenkstätte Neuengamme: Forschungsprojekt: Verflechtungen. Koloniales und rassistisches Denken und Handeln im Nationalsozialismus.

Weitere Infos, Literatur und LInks zum Thema auf Geschichtslehrerforum

schmidt

Bahnhof Großmarkthalle Frankfurt am Main, Wikipedia

Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle, Wikipedia

Angebote des Pädagogischen Zentrums des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt zur Großmarkthalle

Kößler

Stichwort zum Wollheim-Memorial des PZ Frankfurt

Pädagogisches Angebot des PZ zum Wollheim-Memorial

Goethe Universität, Wollheim Memorial

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