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Verband Hessischer Geschichtslehrerinnen und -lehrer VHGLL
Geschichte für heute lehren und lernen!

Neu: Hinweise auf Veröffentlichungen, Bücher und Websites
zu besonderen Themen

Auf einer angeschlossenen Seite: Hinweise zu Zielen für Lehrausflüge in Hessen (im Aufbau)

Wir beginnen hier eine Seite mit Hinweisen und Empfehlungen auf besondere Bücher und/oder Webseiten, auf die wir gestoßen sind oder die uns gefunden haben. Die Auswahl bleibt zwangsläufig subjektiv.

Übersicht:

+ Werbung in eigener Sache: W. Geiger: Weimar / Bonn / Berlin - Lehren aus der Geschichte
+ A. Trus: Die “Reinigung des Volkskörpers”. Eugenik und “Euthanasie” im Nationalsozialismus >>dorthin
+ A. Rieber / T. Lieberz-Groß (Hg.)::Rettet wenigstens die Kinder. Kindertransporte aus Frankfurt am Main - Lebenswege von geretteten Kindern, 2018 >>dorthin
+ Michal Glowinski: Schwarze Jahreszeiten. Meine Kindheit im besetzten Polen, 2018.>>dorthin

+ Deutschland und Frankreich. Geschichtsunterricht für Europa. Die deutsch-französischen Schulbuchgespräche im europäischen Kontext, herausgegeben vom deutschen und französischen Geschichtslehrerverband, 2018 >>dorthin
+ Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatrur: Diktatur und Demokratie im Unterricht. Der Fall DDR, 2017 >>dorthin

Weiteres folgt...

Werbung in eigener Sache:

Wolfgang Geiger
Weimar / Bonn / Berlin
Lehren aus der Geschichte

Frankfurt am Main: Humanities Onlline, 2019. 296 Seiten. Erhältlich als Buch und E-Book.

Klappentext:weimar-bonn-berlin

Im Sommer 2017 machte die Rede von den »Weimarer Verhältnissen « die Runde. Die Vergleiche zwischen der Berliner und der Weimarer Republik brachten jedoch wenig Substanzielles zutage. Nach der Bundestagswahl 2017 erschien dies dagegen schon in einem anderen Licht. Wer möchte heute noch mit derselben Überzeugung behaupten, »Bonn ist nicht Weimar« gelte auch noch uneingeschränkt für die Berliner Republik?
Dabei wird die Weimarer Republik zu Unrecht weitverbreitet durch ein gängiges Klischee zur »Demokratie ohne Demokraten« verzerrt – nicht in den offiziellen Verlautbarungen, aber in den Medien, Büchern und Schulbüchern.
Eine vergleichende Analyse zwischen Weimar, Bonn und Berlin bringt mehr Unterschiede zwischen Berlin und Bonn und mehr Vergleichbares zwischen Weimar und Berlin zutage, als man auf den ersten Blick vermutet. Nicht nur die Erweiterung des politischen Spektrums nach links seit der Wiedervereinigung und in jüngster Zeit auch nach rechts, mit der dramatischen Erosion der Volksparteien, sondern auch die abnehmende Konsensfähigkeit der Demokraten zur Mehrheitsbildung, der zunehmende politische Egoismus zulasten der Verantwortung für Staat und Gesellschaft und die Entfremdung zwischen Wählern und Gewählten sind deutliche Parallelen.
Trotz anderer Rahmenbedingungen, ohne eine vergleichbare Wirtschaftskrise, zeigt der rasante Aufstieg einer Neuen Rechten Parallelen zu damals und stellt jedenfalls eine seit 1949 nie dagewesene Herausforderung dar. Berlin ist nicht Weimar, aber eine »Weimarisierung« ist festzustellen, ohne daraus einen Fatalismus abzuleiten, wie er nachträglich für die Weimarer Republik
behauptet wird.


Armin Trus
Die Reinigung des “Volkskörpers”
Eugenik und “Euthanasie” im Nationalsozialismus
Berlin: Metropol 2019Trus_Euthanasie, 363 S.

Die „Euthanasie” der Nazis ist schon einigermaßen in der historischen Erinnerung präsent, die weitergefassten Vorstellungen zur “Eugenik” (die man auch hätte in Anführungszeichen setzen können aufgrund der griechischen Vorsilbe eu-) mit ihrem ideologischen Hintergrund weit weniger. Dieses Thema kann auch gar nicht auf den Nationalsozialismus beschränkt werden und dies leistet das Buch. Es ist bescheiden als “Eine Einführung mit Materialien” untertitelt, aber es ist weit mehr als eine Einführung und im Hinblick auf pädagogische Perspektiven auch eine willkommene Materialsammlung (140 Seiten).

Verdienstvoll ist schon die relativ ausführliche Einordnung über fast 70 Seiten in eine dunkle Geschichte von “Rassenhygiene” und “Eugenik”, die lange vor dem NS begann und keineswegs bei irgendwelchen politischen Extremisten, sondern im Zentrum der wissenschaftlichen Welt, so wie die “Rassentheorien” innerhalb der im 19. Jh. entstandenen Anthropologie insgesamt. Ansätze zu einer “Bevölkerungspolitik” gab es bereits im 18. Jh., u.a. durch eine “medicinische Polizey”, auf deren bedeutenden Pionier Johann Peter Frank (1745-1821) später im NS explizit Bezug genommen wurde . Im Kaiserreich entwickelten nicht nur akademische Anthropologen den Sozialdarwinismus, sondern auch Ärzte wie der Psychiater Emil Kraepelin warnten vor den “Gefahren für unsere Rasse” durch das Fehlen der “natürlichen Auslese”. Und spätestens in der Weimarer Republik, wie auch international, führte dies in einen ersten institutionellen Ansatz zur Eugenik/Rassenhygiene, nur der ”Preußenschlag“ 1932 kam ihrer gesetzlichen Umsetzung noch unter sozialdemokratischer Regierung in Preußen zuvor. Der eugenische Diskurs war aber bereits soweit gediehen, dass das durch ihn “beförderte Denken in Minderwertigkeitskategorien in Verbindung mit volkswirtschaftlichem Kalkül durchaus seine Wirkung” entfaltet hatte (Trus, S. 60).

Dieses Kapitel der Geschichte  hat also nicht erst 1933 begonnen und war auch 1945 nicht abgeschlossen, wie das Buch zeigt, das auch zu einem erheblichen Teil (über fast 80 Seiten) die Frage von Strafverfolgung, Erinnerung und Verdrängung nach 1945 behandelt.

Im Hauptteil wird die Radikalisierung der “Rassenhygiene” analysiert, die der Nationalsozialismus politisch möglich machte und zielstrebig verfolgte. Bereits am 14.7.1933 wurde das “Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” erlassen, wobei man unter “Erbkrankheiten” auch pauschal eine ganze Reihe von Phänomenen abweichenden sozialen Verhaltens oder psychisch bedingter Beeinträchtigung einschloss (“asoziales Verhalten”, “Alkoholismus” u.a.). “Eine stichprobenartige Auswertung der Patientenakten der ehemaligen Landes-Heil-und Pflegeanstalt Hadamar ergab, dass die Indikation bei eine Sterilisierung weniger erbbiologisch begründet war als vielmehr sozial. ‘Mangelnde Intelligenz’ und ‘Nichtbewährung in der Lebensführung’ waren die entscheidenden Kriterien für den Sterilisationsantrag.” (Trus, S. 87).

Im offiziellen Kommentar des Gesetzes wurde “das Primat und die Autorität des Staates” hervorgehoben, “die er sich auf dem Gebiet des Lebens, der Ehe und der Familie endgültig gesichert hat.” (zit. auf S. 86).

Dabei wird einem noch einmal bewusst, auch wenn man es im Prinzip schon wusste, wie drastisch die Propaganda die Öffentlichkeit darauf einstimmte, was dann doch im Geheimen geschah, von der Sterilisierung bis zur Ermordung. In diesem Mittelteil sprechen trotz der gelungenen analytischen Einbettung die zahlreichen Dokumente auch besonders für sich selbst, z.B. das Plakat “Minderwertiges Erbgut dringt in ein Dorf ein.” (S. 124). Auch mir war kaum bekannt, wie viele Filme zu diesem Thema die Goebbelssche Propagandamaschinerie produzierte (cf. https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/propaganda-im-film-des-dritten-reiches/), darunter “Ich klage an”, der 1941 gerade nach dem Protest von Galens erschien (aber vorher produziert) und von dem der SD eine entsprechend negative Aufnahme in katholischen Gegenden des Reiches, aber auch gemischte Reaktionen in anderen Kreisen, berichtete (S. 202-205, analytischer Teil dazu S. 193-201). Die Propagandaplakate und Schulbuchseiten in Biologie und Mathematik (Rechenaufgaben zu den Kosten des Unterhalts “Minderwertiger”) suggerierten von sich aus, dass die “Minderwertigen” am besten “verschwinden” sollten.

“Wie es vom Gedanken zur Tat kam, ist trotz umfangreicher Forschung ungeklärt.” (Trus, S. 132). Die von Hitler im Oktober 1939 erteilte Ermächtigung an den Chef seiner Privatkanzlei, Philipp Bouhler, auf den Kriegsbeginn 1. September zurückdatiert, den Ärzten die Euthanasie zu erlauben, war, etwas ähnlich wie bei der Wannseekonferenz, eine nachträglich erteilte Genehmigung für etwas, das zu dem Zeitpunkt schon im Gange war und seit dem Frühjahr geplant worden war. Die Legitimation mit dem Krieg war nicht zufällig und die ersten Euthanasieaktionen wurden auf besetztem polnischem Gebiet durchgeführt. Im Januar 1940 begannen dann die Gasmordaktionen im Reichsgebiet. Während die entsprechenden Aktionen im besetzten Gebiet im Wesentlichen durch die SS vollzogen wurden, waren es in den Reichsheilanstalten ausnahmslos Ärzte, die nach entsprechender Selektion den Gashebel betätigten. Spätestens im April 1941 war auch “die Justiz Teil des Vernichtungsapparates geworden” (Trus, S. 141), nachdem sie offiziell über die Aktion T4 informiert wurde, um Klagen von Angehörigen aufgrund des plötzlichen Todes der Anstaltsinsassen abzuwehren.

Die erste Phase der Euthanasieaktion wurde von Hitler durch mündlichen Befehl am 24.8.1941 beendet, ein außerordentlicher Erfolg zivilen Widerstandes durch die katholische Geistlichkeit und namentlich den Münsteraner Bischof Graf von Galen. Interessant ist auch, dass sich die Alliierten dieses Themas bedienten, um in ihren Flugblattabwürfen über die Unmenschlichkeit des Hitler-Regimes aufzuklären (“200.000 ‘Unbrauchbare’”, S. 171).

Viele bekamen diesen “mündlichen Befehl” jedoch gar nicht mit und außerdem startete im Juli 1941 die T4-Sonderaktion, die besonders auf die jüdischen Insassen der Heil- und Pflegeanstalten abzielte und sich dann auch auf entkräftete Lagerhäftlinge und sowjetische Kriegsgefangene ausdehnte. Auch die eigentliche Euthanasie wurde dann in einer zweiten Phase wieder aufgenommen.

Hier wird bis ins Detail deutlich - ein ganz wichtiger Aspekt des Buches -, wie sich aus der “klassischen” Euthanasieaktion nach und nach eine umfassende Mordaktion entwickelte und daraus auch der Genozid an Juden, Roma und anderen Opfergruppen, die aus welchen Gründen auch immer als “lebensunwert” galten, und wie die Enthemmung des Tötens mit dem Krieg verbunden war (1. Etappe: September 1939, 2. Etappe Juli 1941).

Fast ein Buch für sich ist dann auch der letzte Teil “Nach 1945: Bruch und Kontinuität”, wobei die Reihenfolge auch umgekehrt werden könnte, kann doch “von einer ‘Stunde Null’ der deutschen Anstaltspsychiatrie nach der Kapitulation in der Tat keine Rede sein.” Trus, S. 216). Im Zuge der Entnazifizierung verloren zunächst nur durch Mitgliedschaft in der Partei oder gar der SS besonders politisch engagierte Ärzte ihren Posten, in einigen alliierten Prozessen wurden gegen Hauptverantwortliche die Todesstrafe ausgesprochen, auch im Hadamar-Prozess, die zu langjährigen Haftstrafen Verurteilten wurden “bis Mitte der 1950er-Jahre wieder auf freien Fuß gesetzt.” (Trus, S. 248). Für (vermeintlich) Minderbelastete traten schon Ende der Besatzungszeit umfangreiche Amnestien in Kraft, die juristische Zuständigkeit wurde dann deutschen Behörden übergeben und “auf manche der an den ‘Euthanasie’-Verbrechen beteiligten Ärzte wartete eine erstaunliche Karriere.” (Trus, S. 218). Trotzdem wurde eine gegenüber der Tabuisierung der KZ-Verbrechen erstaunliche Zahl von Prozessen in deutscher Verantwortung in den 1950er Jahren angestoßen, wenn auch mit relativ magerem Ergebnis, aus verschiedenen Gründen. Während die Tötung (“Euthanasie”) klar als Verbrechen eingestuft wurde, tat man sich mit den anderen Misshandlungen und Körperverletzungen (Sterilisierung) weitaus schwerer, so dass es auch keine “Wiedergutmachung” für diese Opfergruppe gab, weil sie nicht der offiziellen Definition der Verfolgten entsprachen. Interessanterweise hat der 1979 ausgestrahlte TV-Vierteiler Holocaust auch hier zum Umdenken beigetragen, weil er den Holocaust mit dem Euthanasie-Thema verband.

Ein weitere, und nicht die geringste, Folge nach 1945 war ein fortgesetzt diskriminierendes, entwürdigendes Behandeln von Insassen psychiatrischer Anstalten, die dem machtlos ausgeliefert waren und dies selbst im Falle ihrer Entlassung weder individuell noch kollektiv öffentlich machen konnten. “Das ‘kommunikative Beschweigen’ (Hermann Lübbe) der NS-Medizinverbrechen perpetuierte die Stigmatisierung ihrer Opfer” (Trus, S. 229), bis in den 1980er Jahren eine Aufarbeitung begann.

So erweitert dieses letzte Kapitel, wie auch das einleitende, den Horizont der Kernthematik der NS-Verbrechen: “Die auch heute noch zu beobachtende Stigmatisierung psychisch Kranker und geistig Behinderter ist das Produkt einer jahrhundertealten Geschichte, die nachzuzeichnen nicht zuletzt Anliegen des vorliegenden Buches ist.” (Trus, S. 231).

Zu erwähnen ist dann noch, dass es im bibliographischen Anhang auch eine ausführliche Liste bisher erschienener didaktischer Veröffentlichungen zum Thema gibt.

Armin Trus ist langjähriges Mitglied des VHGLL.

W.G., 12.8.2019


 

Rettet wenigstens die Kinder
Kindertransporte aus Frankfurt am Main - Lebenswege von geretteten Kindern
Herausgegeben von Angelika Rieber und Till Lieberz-Groß
In Zusammenarbeit mit dem Verein Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt. Spurensuche - Begegnung - Rettet_wenigstens_die_KinderErinnerung e.V.
Frankfurt am Main: Fachhochschulverlag, 2018, 301 S.

Kindertransporte - ein bis vor wenigen Jahren fast unbekannter Aspekt aus dem Holocaust-Zusammenhang, der, wie andere, die Widerstand, Flucht, Emigration und Überleben thematisieren, unterbelichtet blieb. 
Dank einer langjährigen akribischen Recherche in den Archiven, Suche nach Überlebenden der sogenannten Kindertransporte 1938-1940 und Organisierung von Begegnungen mit ihnen, konnten in dem Buch zwanzig einzelne Biographien von Kindern aus Frankfurt a. M. zusammengestellt werden, die nach dem Novemberpogrom im Rahmen der Sonderaktion der britischen Regierung für jüdische Kinder in Großbritannien von Pflegeeltern aufgenommen wurden oder in anderen Aufnahmeländern Zuflucht fanden (insgesamt ca. 20.000), Zusätzlich zur detaillierten individuellen und familiären Geschichte sowie den Erlebnissen des Novemberpogroms sind zahlreiche Fotos und Dokumente in dem Band abgedruckt.
Dies macht das Buch selbst zu einem reichhaltigen historischen Archiv, das als solches beeindruckt und sehr gut auch im Unterricht verwendet werden kann.

Der Titel des Buches verweist auf die Problematik der Emigration, die keineswegs nur eine Entscheidungsfrage war. Je mehr sich der Antisemitismus in Deutschland zuspitzte, desto geringer wurde in den anderen Ländern die Bereitschaft, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Die Einreise nach Palästina war durch die Briten streng begrenzt worden, das Aufnahmequorum der USA blieb weit unter dem, was notwendig gewesen wäre. In der internationalen Konferenz von Evian im Juli 1938, die eigentlich “die Judenfrage” durch Ausweisung lösen sollte, zeigten die potenziellen Aufnahmeländer eine ablehnende Haltung. Der Novemberpogrom kurze Zeit später machte deutlich, wie gravierend das Problem war, und so erklärten sich einige Länder, allen voran Großbnritannien, bereit, ausnahmsweise aus humanistischen Gründen ein Kontingent von Kindern aufzunehmen (GB nahm die Hälfte auf, 10.000). “Rettet wenigstens die Kinder” hieß, dass sich Eltern mangels eigener Auswanderungsmöglichkeit von ihren Kindern trennen mussten. “Viele Kindertransport-Kinder wurden getröstet damit, dass die Trennung nur für kurze Zeit sein sollte. Tatsächlich war es für viele ein endgültiger Abschied.” (Till Lieberz-Groß, S. 16).

Der unvorhergesehene definitive Abschied für viele lag nicht nur an der dramatischen Entwicklung auf dem Kontinent in den nächsten Jahren. Auch in Großbritannien, um bei dem wichtigsten und dauerhaften Aufnahmeland zu bleiben (Frankreich und die Benelux-Länger wurden 1940 besetzt), wurden die Kindertransporte als eine Art von Adoption der Kinder betrachtet, die zudem oft als billige Arbeitskräfte im Haushalt gesehen wurden. Der Kontakt zu den Eltern wurde erschwert, die deutsche Sprache sollte abgelegt werden, eine schnelle kulturelle Assimilation erfolgen. Aus diesem Grund wurden Geschwister getrennt und Jungen meist in Heimen untergebracht, während Mädchen als anpassungsfähiger galten und in den Familien gerner gesehen wurden.

Angelika Rieber ist langjähriges Mitglied des VHGLL.

W.G., 31.12.2018

Vgl. auch die Website des Projekts Jüdisches Leben in Frankfurt am Main mit über 60 Biographien: :

http://www.juedisches-leben-frankfurt.de/
http://www.juedisches-leben-frankfurt.de/de/home/biographien-und-begegnungen.html

http://www.juedisches-leben-frankfurt.de/de/home/paedagogische-angebote.html
http://www.juedisches-leben-frankfurt.de/media/anregungen_fuer_die_arbeit_mit_der_webseite.pdf

 


 

Michal Glowinski: Schwarze Jahreszeiten. Meine Kindheit im besetzten Polen
Darmstadt (WBG/Theiss), 2018 (>WBG)

Lesung_Darmstadt_26.4.2018Schwarze_Jahreszeiten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Buchvorstellung und Lesung im Deutschen Polen-Institut in Darmstadt am 26.4.2018.
Anna Artwinska (Literaturwissenschaftlerin, Universität Leipzig) und Peter Oliver Loew (Übersetzer und Mitarbeiter am Deutschen Polen Institut Darmstadt)

Michal Glowinski (*4.11.1934) ist ein bekannter Literaturwissenschaftler und literarischer Schriftsteller in Polen, seit 1955 arbeitete er am Institut für Literaturforschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften und war dort bis 2004 Professor. Einige seiner Bücher sind ins Deutsche übersetzt, so Mythen in Verkleidung, Suhrkamp, 2005 (>DPI) und Eine Madeleine aus Schwarzbrot, Jüdischer Verlag, 2004 (>Leo Baeck)

Mit der Veröffentlichung der Erstausgabe von Schwarze Jahreszeiten in Polen 1998 wurde erst bekannt, dass Glowinski aus einer jüdischen Familie stammt und als Kind das Warschauer Ghetto erlebt und überlebt hat. Der Kontext der Entstehung des Buches wird in der deutschen Ausgabe mit wertvollen Hinweisen für den deutschen Leser durch ein Nachwort von Anna Artwinska und einem Interview erklärt, das Anna Artwinska, die seinerzeit bei Glowinski auch promovierte, und der Übersetzer Peter Oliver Loew, Mitarbeiter des Deutschen Poen-Instituts, am 29.9.2017 mit Michal Glowinski führten.

Nach dem Krieg wurde Glowinski auf Veranlassung seiner Mutter getauft, aus Dankbarkeit gegenüber den katholischen Nonnen, die ihn zum Schluss versteckt hatten, dies wird in dem Buch auch erzählt. Nach 1990 gab es in Polen eine Welle der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte und der Shoa in Polen (auf polnisch zaglada - svw. Vernichtung), nachdem dies in der kommunistischen Ära inopportun, wenn auch nicht unmöglich, gewesen war, aufgrund der politischen linksantisemitischen Stimmung, aber auch wegen des traditionellen polnischen Antisemitismus. So entstand in den 90er Jahren ein enormer Nachholbedarf. Glowinski legt Wert darauf, sowohl polnische Helfershelfer der Deutschen (Nazis, SS), als auch Widerständler und Helfer der Juden zu benennen. Ohne Letztere hätten er und viele andere nicht überlebt.

Glowinksi erzählt in Schwarze Jahreszeiten aus seiner Erinnerung heraus eine Episode vor der Ankunft der Deutschen, dann das Leben im Ghetto, die Flucht aus dem Ghetto und das Untertauchen in verschiedenen Verstecken “auf der arischen Seite” in Warschau und außerhalb Warschaus,, sowie die unmittelbare Zeit nach dem Krieg. Dabei ist es ihm äußerst wichtig, die Erinnerungen möglichst unverfälscht und daher so fragmentarisch, wie sie zwangsläufig sind aufgrund der zeitlichen Distanz und weil er damals noch ein Kind war (geb. 1934), wiederzugeben. D.h. ohne Nachbesserung im Rückblick und vor allem ohne “Verschönerung” zum “Shoah-Kitsch”, wie er es nennt, etwa als eine Art Abenteuererzählung (Interview, S. 260). Seine Erinnerungen tauchen also teilweise fragmentarisch, in Streiflichtern, Eindrücken, kurzen Szenen auf, teilweise in etwas längeren Episoden (v.a. in der zweiten Hälfte, nach dem Ghetto), und wenn der reflektierende Rückblick trotzdem eingreift, tut er es abgesondert von der Erinnerung, als kommentierende Erinnerung über die Erinnerung. Das letzte Kapitel “Auch Deutsche sind Menschen” verbindet ein Nachdenken im Rückblick mit der Erinnerung an die Gefühle von damals, als Glowinski in der Nachkriegszeit in einer polnischen Zeitschrift diesen für ihn damals empörenden Satz las.

Ein lesenswertes Buch, um so mehr aufgrund der aktuellen Kontroverse und Polemik um das polnische “Holocaust-Gesetz”, sowie aufgrund der wertvollen Ergänzungen für die deutsche Leserschaft.

WG, 29.4.2018

 


 

Deutschland und Frankreich. Geschichtsunterricht für Europa. Die deutsch-französischen Schulbuchgespräche im europäischen Kontext,
herausgegeben von Ulrich Bongertmann Franck Collard u.a. für den Verband der Geschichtslehrer Deutschlands und die Association des Professeurs d’Histoire et de Géographie, Frankfurt/M. (Wochenschau),2018. (zum Verlag)

Deutschland_und_FrankreichEine Besprechung/Vorstellung ist in Arbeit...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Diktatur und Demokratie im Unterricht. Der Fall DDR
Herausgegeben Jens Hüttmann und Anna von Arnim-Rosenthal für die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur (vgl. hier), Berlin (Metropol), 2017.

Der Fall DDREs enthält zahlreiche Beiträge zur historischen Forschung und zur Problematik von Erinnerung, Erinnerungskultur und Thematisierung des Themas im Unterricht. Da werden der "fortschreitende historische Analphabetimus" beklagt, die familiäre Vermittlung autobiographischer Erinnerung hinterfragt sowie weitergehende Erfahrungen mit Zeitzeugen ausgewertet und erfolgreiche und beispielhafte Impulse und Projekte vorgestellt. Das Buch kostet 19.-

Es lohnt auch ein Blick auf die Website der Stiftung Aufarbeitung, wo es auch zahlreiche Materialien als Download gibt. Andere, wie die Ausstellung Der Kommunismus in seinem Zeitalter, können kostenlos in Berlin bestellt werden.

 

 

 

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