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Demokratie-Seminar

Verband Hessischer Geschichtslehrerinnen und -lehrer VHGLL
Geschichte für heute lehren und lernen!

Demokratiegeschichte.
Entstehung und Infragestellung der modernen Demokratie

Bericht vom Fortbildungsseminar am 14.-15.11.2019

Die Fortbildung fand im Wilhelm-Kempf-Haus, Tagungsstätte der katholischen Kirche Hessen, in Wiesbaden-Naurod statt. Sie beinhaltete Themen der Demokratiegeschichte durch die Epochen, die zum einen abseits der Standardthemen der Demokratiegeschichte liegen, die im historischen Bewusstsein präsent sind und im Geschichtsunterricht behandelt werden, und gleichwohl wichtige Aspekte des Selbstverständnisses des Parlamentarismus, seines “Funktionierens” wie auch seiner Entstehung in den Blick nahmen.

Einleitung durch den Vorsitzenden des VHGLL, Dr. Wolfgang Geiger:

“Im Jubiläumsjahr der Weimarer Republik wollen wir unser Blickfeld im November-Seminar erweitern auf strukturgeschichtliche Aspekte der Entstehung und Entwicklung der Demokratie sowie ihrer Infragestellung. Die Geschichte und die Aktualität lehren uns, dass Demokratie nie auf einen Schlag und auch nie ein für alle Mal errungen wurde. Wir widmen uns daher prägenden Faktoren hinter dem ereignisgeschichtlichen Horizont. Wie „funktioniert“ Demokratie?
Demokratie lebt nicht nur von ihrer bekannten institutionellen Seite her, sondern auch davon, wie ihre Institutionen, allen voran das Parlament, mit Leben erfüllt werden, wie Meinungsbildungsprozesse und damit verbundene Konflikte inner- und außerhalb des Parlaments entstehen und entschieden werden – und letztlich davon, dass Demokratie immer wieder auch gegen Angriffe verteidigt wird.”

Prof. Dr. Andreas Schulz
Institut für die Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien e.V., Berlin

»Dolmetscher des Volkes«1 ‒ das Ideal des »unabhängigen« Volksvertreters und die Praxis parlamentarischer Demokratie im 19. Jahrhundert

Abstract:

Zwei konträre Vorstellungen über die Rolle des Volksvertreters kennzeichnen die Anfänge parlamentarischer Demokratie im 19. Jahrhundert. Während nach herkömmlichem Verständnis bürgerlicher Honoratioren Abgeordnete »Bevollmächtigte« oder Beauftragte der sie unmittelbar entsendenden Wahlkörperschaften waren, akzentuierte die liberale Repräsentationstheorie die Unabhängigkeit und den freien Willen des Volksvertreters. Das Spannungsverhältnis zwischen beiden Rollenerwartungen besteht bis heute, während in der Praxis sich die repräsentative Demokratie zur Parteiendemokratie entwickelt hat.

Im Vortrag und in der Diskussion soll das strukturelle Missverhältnis zwischen der Idee der Volkssouveränität und der Professionalisierung von Politik in der Parteiendemokratie im Zentrum stehen.

1 Sylvester Jordan (1792‒1861), Abgeordneter des kurhessischen Landtages und der Frankfurter Nationalversammlung

Schulz1

“Volkssouveränität”

Mit Bezug auf Pierre Rosanvallon benannte Herr Schulz historische Erscheinungsformen der Volkssouveränität:
- Repräsentation durch parlamentarische Eliten, legitimiert durch Wahlen,
- Revolutionäre Diktatur einer Minderheit (vgl. Jakobiner), legitimiert durch Volksaufstände
- Drekte Demokratie als Ratifizierung politischer Entscheidungen durch das Volk, prozedural auch durch Volksbefragfungen, und daran anschließend
- den Bonapartismus, legitimiert durch Akklamation und Plebiszite

Die Volkssouveränität ist immer unvollendet oder unvollkommen, das Volks ist als demos im Sinne direkter Demokratie nicht zu fassen und der Allgemeinwille (volonté générale) nicht zu definieren. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit von Repräsentation. Dem gegenüber steht der Vorwurf an das Parlament, den Volkswillen nicht zum Ausdruck zu bringen.

Nach Condorcet (1792)sind Volksherrschaft und Volksvertretung komplementär: die konstituierende Gewalt (pouvoir constitutif) und die konstituierte Gewalt (pouvoir constitué).  Abbé Sieyes begründete 1795 die Repräsentativität damit, dass Vertreter gewählt werden, weil sie besser in der Lage sind zu regieren als der gemeine Mensch, d.h. auch den allgemeinen Willen zu kennen bzw. ihn zu interpretieren.

Übertragung der Macht / freies Mandat

In diesem Sinne haben die Abgeordneten Handlungs- und Entscheidungsfreiheit und sind als Abgeordnete des ganzen Volkes gewählt, dessen Willen sie frei interpretieren. Dem gegenüber steht die Vorstelljung vom imperativen Mandat durch den Wahlkreis (zu Beginn der Revolution in Frankreich diskutiert) und entsprechend heute die Idee, der Abgeordnete vertrete speziell seine Wähler und seinen Wahlkreis oder auf auf der anderen Seite der Fraktionszwang, der das freie Mandat nach der Logik der Mehrheitsbildung einschränkt..

Herr Schulz kam dann auf das Ludwigsmonument und seine Einweihung 1844 in Darmstadt zu sprechen. Ursprünglich 1837 geplant für Großherzog Ludwig I. als Verfassungsgeber, wurde es vom Verfassungsdenkmal zum Fürstendenkmal. Auf dem Gemälde, das die Szene der Einmweihung darstellt, hält Ludwig die Verfassungsrolle in der Hand, die Parlamentarier stehen in Opposition zum Fürsten, der Vergleich mit der Sitiation in Frankreich in der ersten Revolutionsphase macht deutlich, dass die Parlamentarier hier stärker in Verbindung zum Volk stehen. Heinrich von Gagern nahm eine Gegenposition um Monarchen ein und vertrat den Anspruch auf Parlamentsherrschaft.

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Gemälde von der Einweihung des Ludwigsmonuments am 25.8.1844. Unbekannter Künstler. © Stadtarchiv Darmstadt.Mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs.
^ Bilddatei in Originalgröße: auf das Bild klicken.
Vgl. auch Stadtlexikon Darmstadt und Peter Engels: Kleine Geschichte eines großen Denkmals. Das Ludwigsmonument in Darmstadt. Herausgegeben vom Förderkreis Kultur e.V., Darmstadt, 3. überarbeitete Aufl. 2006. Zum historischen Kontext cf. auch Wikipedia

Der Prozess der Demokratisierung vor 1848 stand aber nicht nur im Konflikt mit dem Fürsten, sondern war auch weitgehend ein Impuls von den Parlamentariern selbst angesichts noch beschränkter Macht des Landtags und in einem Spannungsverhältnis zum Volk: einerseits unabhängig von ihm, andererseits aber auch dem Druick der Wahlkörperschaften ausgesetzt, zumal die Sitzungen des Landtags öffentlich war.. Hier zeigte sich auch der Konflikt zwischen Wählerwillen und freiem Mandat..

Die bayrischen Abgeordneten waren bei Abstimmungen nur “Gott, Gewissen, Vaterland” verantwortlich.

Sylvester Jordan, Professor für Staatsrecht an der Universität Marburg und liberaler Abgeordneter in Kassel, bezeichnete die Parlamentarier als “Dolmetscher des Volkes”, was in beide Richtungen zu vestehen ist und auch die Vorstellung von der Zivilisierung des ungebildeten Haufens beinhaltete..

Waren bzw. sind die Abgeordneten Männer des Volkes?

Einwände dagegen sind:
- das Problem der sozialen Distanz und der sozialen Repräsentativität
- d.h. das “Beamtenparlament” und im weiteren Sinne die Repräsentationseliten
- die Professionalisierung und Nationalisierung (Entscheidung für die Allgemeinheit)
- die Theatralität im Parlamentarismus, Volkssouveränität als Schauspiel,

Schulz verwies auf die vergleichende Untersuchung zur Geschichte der Demokratie in Preußen und in den USA anhand der Wahlsysteme von Hedwig Richter. Vorwürfe hier sind, dass die Volksvertreter die Rolle des Souveräns spielen, die Theatermetapher taucht häufig in der Kritik auf. Zwischen den Vormärzabgeordneten und ihren Wahlkreisen gab es eine relativ enge Beziehung, doch die Beamten machten bis zu 70% der Gewählten aus.

Demgegenüber gab es in Frankreich 1848 eine Unvereinbarkeit zwischen Mandat und staatlicher Anstellung, de facto mussten die Abgeordneten Freiberufler sein, in Großbritannien bevorzugte das Wahlrecht bekanntermaßen bis ins 20. Jh. hinein durch den Zuschnitt der Wahlkreise die Landbesitzer.

Allgemein trug die Professionalisierung jedoch zur Verbreitung des Einzugsbereiches der Abgeordneten bei.

Parlamentarische Praxis

Die parlamentarische Praxis zeichnet sich druch die Spannung zwischen liberaler Repräsentationstheorie und Parteienkritik, Parteien und Parlamentarismus aus, die parlamentarische Performanz liegt in der Mandats- und Redefreiheit und dem Ideal der deliberativen Demokratie. Parteien gibt es in Deutschland übrigens nicht erst seit 1848, wie Philipp Erbentraut untersucht hat. Parteimäßige Vereine waren die Voraussetzung für die parlamentarische Prozedur

Ein anderes Problem ist der Bedeutujngsverlust der einzelnen Abgeordneten gegenüber der Exekuritve sowie heute in der Mediendemokratie. Die Medialisierung hat eine Vielzahl politischen Foren und sozialer Medien geschaffen, die die repräsentativ-deliberative Demokratie herausfordern. Gegenüber der Exekutive engt sich andererseits der Handlungsspielraum der Parlamentarier ein. Pierre Rosanvallon spricht hier von Phänomenen der Gegen-Demokratie (Contre-Démocratie*). Rosanvallon plädiert für eine Erweiterung des Demokratiebegriff dahingehend, dass er auch das Vertrauen in die demokratischen Institutionen enthalten müsse: Verfassungsgerichte, Rechnungshöfe usw. als unparteiische Institutionen, andererseits sind sie aber nur indirekt demokratisch legitimiert.

Was ist Demokratie?

Viele Fragen bleiben offen und vieles bleibt unbefriedigend. So ist die Zustimmungsdemokratie dfiffus, die Demokratie erscheint ortlos, auch wenn Parlamente als zentrale Foren weiterhin bestehen besteht sich weiterhin ein Spannungsverhältnis zwischen Vertrauen und Partizipation.

 

Diskussion

Diese Aspekte wurden auch in der Diskussion vertieft. Die Spannung zwischen Gesellschaft und politischer Elite bleibt bestehen:

Können digitale Medien die Partizipation in der Demokratie erweitern? Spielen Umfragen nicht ein zu große Rolle, nehmen vermeintliche Wahlergebnisse vorweg oder ersetzen die existierenden? Auch klassische Medien (Presse, TV) agieren immer mehr online, die mediale Kommunikation wird für die Abgerondeten wichtiger als die Rede im Parlament. Mit der Medienvielfalt geht allerdings auch eine Zentralität verloren. Kann es zu einer “Diktatur der Gesellschaft” kommen? Mann erinnere sich an den Tugendbegriff in der Französischen Revolution.

Traditionelle Formen politischer Partizipation (Parteimitgliedschaft) gehen zurück gegenüber neuen Formen, die Frage der Bindung an den Wähler bleibt weiterhin auch eine eminente Frage des Wahlrechts, wie z.B. das britische Wahlrecht zeigt.


Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien kgparl.de

Institut für die Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien >>Forschung: Parlament und Öffentlichkeit

Marie-Luise Recker / Andreas Schulz )Hrsg.): Parlamentarismuskritik und Antiparlamentarismus in Europa. Düsseldort (Droste) 2018. Info

Adéla Gjuričová, Andreas Schulz, Luboš¡ Velek, Andreas Wirsching (Hrsg.): Lebenswelten von Abgeordneten in Europa 1860-1990. Düsseldort (Droste) 2014. Info

 

Pierre Rosanvallon: La démocratie inachevée. Histoir4e de la souveraineté du peuiple en France. Paris (Gallimard) 2000.

Vgl. Lutz Raphael: “Demokratie ist Geschichte”. Pierre Rosanvallons Untersuchungen zur modernen Demokratie in praktischer Absicht, Soziopolis, 18.01.2017

Condorcet, Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes, hrsgg. von Wilhelm Alff  Köln (EVA) 1963, Frankfurt a.M. (Suhrkamp TB) 1976.
Orig.: Esquiisse d‘un tableau historique des progrès de l‘esprit humain, verfasst 1792, veröffentlicht posthum 1795.

Abbé Sieyes: Rede in der Nationalversammlung vom 7.9.1789. Kommentar von Fred Schrader: “Der Abbé unterstellt schlicht den Wunsch der Repräsentierten, repräsentiert zu werden und die Entscheidungen der Repräsentanten zu akzeptieren.” Fred E. Schrader: Zur politischen Semantik der Revolution. Frankreich (1750-1850), Wiesbaden (VS / Springer) 2011, S. 69.

Ludwigsmonument1

Ludwigsmonument, 25.5.2017
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Alle Fotos:
©  W. Geiger

Ludwigsmonument2

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Ludwigsmonument4
Ludwigsmonument3

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Über Ludwig I. cf. Wikipedia
Heinrich von Gagern cf. Wikipedia

Sylvester Jordan cf. Wikipedia, Hessische Biographie, Georg-Büchner-Portal

Hedwig Richter: Moderne Wahlen. Eine Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA im 19. Jahrhundert. Hamburg (Hamburger Edition) 2017.

Philipp Erbentraut: Theorie und Soziologie der politischen Parteien im deutschen Vormärz 1815-1848. Tübingen (Mohr) 2016.

Pierre Rosanvallon: Die Gegen-Demokratie. Politik im Zeitalter des Misstrauens. Hamburg (Hamburger Edition) 2017. Orig.: La Contre-Démocratie. La politique à l’âge de la éfiance. Paris (Gallimard) 2006.

*Anmerkung zur Übersetzung: “Gegen-Demokratie” meint hier nicht wie im Deutschen interpretierbar, eine andere, gegen die offizielle gesetzte Demokratie (vgl. Gegenregierung etc.), sondern eine Infragestellung der etablierten Demokratie.

 

Dr. Tobias Kaiser
Institut für die Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien e.V., Berlin

Von prügelnden Parlamentariern, demonstrierenden Massen und der Frage einer Parlamentspolizei.
Die Krisen des Parlamentarismus im langen 19. Jahrhundert und der Zwischenkriegszeit in einer kulturhistorischen und transnationalen Perspektive

Abstract:

Schon der Name „Parlament“ deutet darauf hin, dass diese Institution ein Ort der Rede sein soll. Probleme des gesellschaftlichen Lebens sollen durch Argumente und Worte, durch Rede und Gegenrede einer Lösung nähergebracht werden. Nicht umsonst beschloss schon das mittelalterliche englische Parlament im Jahr 1313 den „Coming Armed to Parliament Act“, der das Tragen von Waffen im Parlament verbot und noch heute geltendes Recht ist.

Was wie eine Selbstverständlichkeit der parlamentarischen Prozedur erscheint, blieb in Krisensituationen umstritten und löste Grundsatzfragen aus. So forderte während der Französischen Revolution die Konstituante das Recht auf eine eigene Polizei. Ein solches ist heute noch im Grundgesetz zu finden: Das Parlament schützt sich aus prinzipiellen Gründen der Gewaltenteilung selbst. Gegen Gewalt und Obstruktion von innen schützt die Geschäftsordnung, die – wie zahlreiche Beispiele der Zeit um 1900 zeigen – ebenfalls keine Selbstverständlichkeit, sondern eine historisch gewachsene Errungenschaft ist. Gegen Gewalt von außen sollte das Instrument der „Bannmeile“ schützen, deren Einrichtung und Begründung keineswegs selbstverständlich waren.

Im Vortrag, der als Impuls für weitere Diskussionen konzipiert ist, sollen alle diese Aspekte durch Beispiele aus verschiedenen Ländern beleuchtet werden, um grundsätzliche Fragen der parlamentarischen Praxis und Kultur (Parlamentssouveränität, Gewaltenteilung) aufzuwerfen.

Kaiser1

Aus aktuellem Anlass wurde einleitend eine kurze Szene aus dem britischen Unterhaus in der heißen Phase der Brexit-Debatte gezeigt (9.9.2019), bei der es ein Durcheinander bei der altehrwürdigen Tradition der parlamentarischen Gepflogenheiten ging, hier die Schließung des Parlaments. Hintergrund war die hochpolitische Verfassungsfrage, wer die Vertagung des Parlaments (prorogation) beschließt. Die Anrufung des Supreme Court war einzigartig in der britischen Geschichte und Parlamentspräsident (Speaker) Bercow warf der Exekutive vor, sich in die Rechte des Parlament einzumischen. Zu sehen war auf den gezeigten Bilder unter anderem auch, wie Sarah Clarke, die "Lady Usher of the Black Rod", in zeremonieller Kleidung und mit einem Degen bewaffnet den Sitzungssaal betritt. Clark ist die erste Frau in der über 650-jährigen Geschichte dieses Amtes. Herr Kaiser weist darauf hin, dass sie die einzige Person ist, der es erlaubt ist, im Sitzungssaal eine Waffe zu tragen - eben jenen Degen - und leitet so zu seinem Thema über.

Das Parlament hat sich in der Geschichte eine Reihe von Rechten gesichert, die sich auch im Prozeduralen äußern: So darf der Monarch das Unterhaus nicht betreten, bereits 1313 wurde das Tragen von Waffen im Parlament verboten und eine Reihe von Amtsträgern sichern das Protokoll und die Rituale des Parlamentarismus, so der Gentleman Usher of the Black Rod und der Sergeant of Arms (>>Wikipedia).

Herr Kaiser zeigte daraufhin eine Reihe von Bildern und Fotos von Zwischenfällen in europäischen Parlamenten aus der Vergangenheit, so Prügelszenen aus der Ukraine 2009, Bombenanschläge auf das britische Parlament 1885 durch irische Untergrundkämpfer und das französische Parlament 1893 durch Anarchisten.

Im Bundestag protestierte Beate Klarsfeld 1968 gegen Bundeskanzler Kiesinger wegen seiner Nazi-Vergangenheit und schaffte es dann auch, ihm eine spektakuläre Ohrfeige zu versetzen.

Am 19.2.1906 ließ Kaiser Franz-Josef das ungarische Parlament in einer politischen Krise von Soldaten besetzen, allerdings nicht im Parlament, wo sie von Sicherheitskräften davon abgehalten wurde, sondern während eines Parteitages der CDU.

Am 23.2.1981 versuchten einige Offiziere der Guardia Civil und des Militärs einen Putsch gegen die junge postfranquistische spanische Republik, Oberst Tejero hielt mit einigen Bewaffneten 17 Stunden lang das Parlament in seiner Gewalt.

Es folgten Bilder von einer Demonstration vor dem griechischen Parlament 2012, von den Protesten in Hongkong und vom “Wahlrechtsspaziergang” der SPD vor dem Reichstag 1910, einer umgewidmeten verbotenen Demostration gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht, die von der Polizei verfolgt wurde und die “Spaziergänger” zum Reichstag führten, für den es, anders als in Preußen, ein gleiches Wahlrecht gab.

Historisch hat die legislative Gewalt (potestas) das Gewaltmonopol (violentia) für den Staat und sich selbst als Institution durchgesetzt, in frühen Zeiten gegen das Fehderecht. Heute gibt es eine eigene “Polizei beim Deutschen Bundestag”, nach der Verfassung übte der Präsident des Reichstags in der Weimarer Republik die Polizeigewalt aus und dies wurde so in der Bundesrepublik für den Bundestagspräsidenten übernommen und ausgeweitet.

Die ersten Auseinandersetzung um diese “Gewalt” im Parlament gab es in der Französischen Revolution, als der König am 25.6.1789 den Sitzungssaal durch Militär hat umstellen lassen und damit einen Machtkampf mit der gerade erst gegründeten und vom König für aufgelöst erklärten Nationalversammlung aufnahm, der zur Bildung der Nationalgarde am 13.7. und zum Bastillesturm am Tag darauf führte.

Im 19. Jh. sicherten sich dann die Parlamente durch ein eigenes Parlamentsrecht und eine eigene Polizei ab. Auseinandersetzungen innerhalb des Parlaments wurde damit jedoch nicht befriedet, so kam es 1897 im Wiener Reichsrat zum Einsatz von Polizei gegen die Opposition, durch die zweifelhafte Abstimmung über die “Lex Falkenhayn” herbeigerufen. Hintergrund war ein eminent politischer Konflikt, der den fragilen Zustand der Habsburger Monarchie vor Augen führte, nämlich die Frage, ob es außer Deutsch auch noch andere Amtssprachen in der Monarchie geben könne.

Im 20. Jh. wurde dann das Versammlungsrecht vor Parlamenten eingeschränkt, es entstand die Bannmeile (8.5.1920 in Berlin). In der noch revolutionären Situation war es am 13.1.1920 zu einem Blutbad vor dem Reichstag gekommen (“Blutiger Dienstag”), als bei einer Massendemonstration gegen das neue Betriebsverfassungsgesetz, zu der die USPD aufgerufen hatte und an der sich die KPD beteiligte, nach Gewalttätigkeiten gegenüber Abgeordneten und offenbar Pistolenschüssen auf den Reichstags von der Sicherheitspolizei auf Demonstranten geschossen wurde und 42 Menschen den Tod fanden.

Dies markiert das Ende einer Entwicklung, wonach die Volksvertretung sich auch vor dem Volk schützen muss, die Gewählten vor den Wählern, wie auch im Inneren der Ablauf der parlamentarischen Arbeit durch Geschäftsordnungen immer mehr geregelt wurde, oft auch missbräuchlich. Umgekehrt erzeugten auch Volksbewegungen, die sich auf demokratische Grundrechte berufen konnten, immer wieder Versuche, direkten Einfluss auf das Parlament zu nehmen, so auch z.B. die Frauenbewegung der Suffragetten in Großbritannien.


Habilitationsschrift Friedrich-Schiller-Universität Jena 2018: Der Schutz eines heiligen Ortes. Eine kulturgeschichtliche Studie zur parlamentarischen Polizeigewalt im europäischen Kontext, erscheint demnächst in der Reihe “Parlamente in Europa” der KGParl.

Tobias Kaiser: Die Suffragetten als “Eroberinnen” des politischen Raumes- Zur Bedeutung von Straße und Parlament als Orte der Republik in der Frauenrechtsbewegung um 1900, in: Hedwig Richter/Kerstin Wolff (Hrsg.): Frauenwahlrecht. Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa. Hamburg (Hamburger Edition) 2018, S. 125-144.

Die ganze chaotische Szene der Schließung dees Unterhauses ist noch beim Guardian zu sehen.

Waffenverbot im Parlament 1^313 >>Wikipedia

Bombenanschlag auf das britische Parlament, Titelseite des Graphic vom 31.1.1885 bei agefotostock

Le_Petit_Journal_-_Explosion_à_la_Chambre

Explosion à la Chambre, Le Petit Journal, 23.12.1893 >>Wikipedia
Vgl. auch das Bild mit besserer Auflösung und Analyse des historischen Kontexts: Heinz-Gerhard Haupt: Europäischer Terrorismus: Mit Messern und Bomben gegen den Staat ankämpfen, NZZ 23.10.2019

40 Jahre danach:
Klarsfeld-Skandal: Klatsche für den Kanzler, Spiegel Geschichte, 7.11.2008

Ralph Igel/Michael F. Feldkamp: Die Polizei des Bundestagspräsidenten in parlamentsgeschichtlicher Perspektive. In: Zeitschrift für Parlamentsfragen 44, 2013, S. 126–136.

Ungarische Krise 1905/06 >>Wikipedia

Szene des Putsches im spanischen Parlament auf YouTube.
Vgl. auch: Als Spaniens Militär die Zeit zurückdrehen wollte, Die Welt, 22.2.2011, Besprechung des Buches von Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks. Die Nacht, in der Spaniens Demokratie gerettet wurde. Frankfurt (S. Fischer) 2011.

Wahjlrechtsdemo 1910 vor dem Reichstag, Foto und historische Erklärung auf der Deutschen Welle

Zum 23.6.1789 und den Folgen vgl. Wolfgang Kruse: Die Erfindung des modernen Militarismus. Krieg, Militär und bürgerliche Gesellschaft im politischen Diskurs der Französischen Revolution 1789.1799, München  (Oldenbourg) 2003, S. 28ff.   (cf. Google Books)

Lex Falkenhayn cf. >>Wiener Zeitung

Blutiger Dienstag >>Wikipedia; Foto von der Demonstration >>Frankfurter Rundschau

Dr. Jörn Retterath
Institut für Zeitgeschichte, München

Wer oder was ist das Volk?
Volks- und Gemeinschaftsvorstellungen in der Weimarer Republik

Abstract:

"Volk" war einer der am meisten verwendeten Begriffe in der politischen Sprache der Weimarer Republik. Doch welche Vorstellungen wurden mit dem Wort verbunden? Idealtypisch konnte "Volk" entweder als Gemeinschaft gleichberechtigter Staatsbürger ("demos"), als Abstammungsgemeinschaft ("ethnos") oder als minderprivilegierte Schicht ("plebs") verstanden werden. Zudem ließ sich "Volk" als ein pluralistisches oder als ein ganzheitliches Gebilde denken. Diese Vielschichtigkeit einer für die Demokratie zentralen Vokabel erwies sich als höchst problematisch, da sie mystischen und gegen die Republik gerichteten Ideen Tür und Tor öffnete. Die Analyse des Sprechens von »Volk«, »Nation«, »Einheit« und »Gemeinschaft« gibt wichtige Aufschlüsse darüber, welche Staats- und Gesellschaftskonzepte in der Weimarer Republik vorherrschten. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf der Phase der Konstituierung der Republik (1918-1923) sowie auf den Parteien der "politischen Mitte" liegen. Der Vortrag arbeitet heraus, dass es den der Republik nahestehenden Kräften nach der Novemberrevolution 1918 letztlich nicht gelang, eine der pluralistischen Demokratie angemessene Sprache zu etablieren. Stattdessen gewann das Denken in ganzheitlichen Kategorien an Einfluss. Den Nationalsozialisten wurde es so erleichtert, sich zunächst vieldeutiger Begriffe wie »Volkswille« und »Volksgemeinschaft« zu bemächtigen. Anhand des Fallbeispiels der politischen Sprache von Weimar wird deutlich, wie wichtig der sensible und reflektierte Umgang mit Sprache ist. Der Blick in die Gegenwart zeigt zudem, dass der Volksbegriff auch im aktuellen politischen Sprachgebrauch keineswegs einheitlich im Sinne von "demos" gebraucht wird.

Retterath

In der entstehenden Weimarer Republik bezogen sich faktisch alle politischen Lager auf das Volk. Entsprechend unterschiedlich wurde der Volksbegriff verwendet, wobei sich auch überraschend ein relativ großer gemeinsamer Nenner herausbildete, so die Sehnsucht nach einer Harmonie, einer organischen Einheit, die sich zum Teil auch gegen die Moderne richtete.  “Volk” wurde 1908 durch Abstammung und Sprache, Sitte und Bildung definiert (Meyers Konversationslexikon), also primär ethnisch-kulturell und nur abgeleitet staatsbürgerlich. In dieser Spannung zwischen ethnos und demos überwog also dei Vorstellung von einem metaphysischen Wesen, einer holistischen (ganzheitlichen) Gemeinschaft gegenüber einer heterogenen, pluralistischen Gesellschaft. Dies prägte auch noch die Vorstellungen in der Weimarer Republik.

In der Revolution 19818/19 trat nun aber das Volk auch als Akteur in Erscheinung. Scheidemann erklärte “Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt” (stenographische Aufzeichnung), während Liebknecht an das Klassenbewusstsein der proletarischen Volksmassen als revolutionärem Volk appellierte..Am Volksbegriff wurde auch die Spaltung zwischen USPD und MSPD deutlich, erstere setzte auf die werktätige Bevölkerung und die Soldaten, für letztere war dies nicht allein das Volk (Friedrich Stampfer am 13.11.1918 im Vorwärts).

Die (neuen) Parteien beriefen sich schon durch ihre Benennung auf das Volk, so die Deutsche Volkspartei, die Deutschnationale Volkspartei, die Christliche Volkspartei (=Zentrum), auch konserrvative Zeitungen wandten sich nun an “das deutsche Volk”, so die Deutsche Tageszeitung, gleich zwei Tage nach Ausbruch der Revolution. Mit der Demokratisierung wurde das Volk nun für eine grundsätzliche politische Entscheidung angerufen und alle Parteien gaben vor, die Interessen des Volkes zu vertreten. Das Staatsvolk musste eine Legislative wählen und aus dieser eine Regierung hervorgehen. So versuchte das Zentrum, sein Volksverständnis über seine bisherige Klientel, das katholische Milieu, auszudehnen, gleichzeitig aber auch abzugrenzen: In einem “freien deutschen Volksstaat” solle sich die Volksseele aus der christlichen Kulturkraft speisen, gegen den liberalen und sozialistischen “Sittenverfall”. Die DNVP schlug einen völkisch-antisemitischen Volksbegriff an, also durch eine Ausgrenzung von ihrer Meinung nach nicht Dazugehörenden. Die DDP setzte mit ihrem Verfassungsrechtler Hugo Preuß ganz entgegengesetzt auf einen umfassenden Volksbegriff, “die Staatsgewalt geht vom Volke aus”. Der “Volksstaat” wurde dem “Obrigkeitsstaat” entgegengesetzt.

Die Diskussion innerhalb der Staatsrechtler vertrat allerdings einen holistischen Volksbegriff, der eben nicht staatsbürgerlich definiert wurde, nahm einen “Willen des Volkes” an und kritisierte das Prinzip der Repräsentativität (v.a. Carl Schmitt). Der differenziert pluralistische Meinungskampf im Sinne von Hans Kelsen war vielen fremd. Sie sahen das Volk als ein Miteinanderleben in geistiger Gemeinschaft. Das Individuum sollte zugunsten der Volksgemeinschaft entthront werden, die als “beseelte deutsche Volksgemeinschaft” verstanden wurde. Das liberale Prinzip, z.B. bei Friedrich Naumann, sah dagegen den Volkswillen sich in der Mehrheitsbildung konkretisierend.

Dieser Konflikt spiegelte sich in der Konzeption der Volksvertetung wider, wo sich in der Verfassung das Prinzip durchsetzte, dass die Abgeordneten Vertreter des ganzen Volkes seien und nicht an Weisungen gebunden seien. Der Reichspräsident wurde vom ganzen Volk gewählt und stand dem Parteienpluralismus entgegen. Der Soziologie Ferdinand Tönnies hatte schon 1887 den Konflikt um Volks- und Staatsverständnis in der Gegenüberstellung von Gemeinschaft und Gesellschaft (in Auseinandersetzung mit dem Sozialismus) auf den Punkt gebracht.

Viele Vertreter der Volksgemeinschaftsidee wandten sich gegen den “Parteienstaat”, da die Volksgemeinschaft über den Parteien stehe und diese nicht repräsentiert werden könne (v.a. Carl Schmitt).

Von Seiten der SPD und der Gewerkschaften waren Friedrich Ebert und Carl Legien Vertreter eines klassenübergreifenden Verständnisses von Volksgemeinschaft. V.a. das Zentrum vertrat dagegen die Vorstellung om Volk als eine vom Schöpfer gewollte organische Gemeinschaft mit der Familie als Urbild. Adam Stegerwald, der Vorsitzender der christlichen Gewerkschaften, sah die Christliche Volkspartei als Partei der Mittet. Auch Wilhelm Marx trat im Präsidentschaftswahlkampf 1925 als “Apostel der Volksgemeinschaft” auf.

Die Deutsche Tageszeitung, die den Landwirten und Großagrariern nahestand, aber Einfluss auf die allgemeine Mittelschicht als Leserschaft hatte, verband ihr Bekenntnis zum Volk nach Ausbruch der Revolution dann in den folgenden Jahren (1923) mit einer Ablehnung fremden Volkstums und dem Bekenntnis zur “großdeutschen Volksgemeinschaft”, also über die Reichsgrenzen von 1919 hinaus.

Hitler verwendete den Begriff dert “Volksgemeinschaft” zu scharfer rassistischer Abgrenzung gegenüber den Juden, wier etwa seine Rede am 13.8.1920 im Münchner Hofbräuhaus deutlich werden lässt. Die deutsche Volksgemeinschaft definierte sich danach durch Exklusion und Inklusion als ethnisch und sozial harmonisierte Volksgemeinschaft. Der Konflikt zwischen verschiedenen Konzeptionen trat zum letzten Mal in der Debatte um das Ermächtigungsgesetz im Reichstag zutage, als Otto Wels für die SPD die wirkliche Volksgemeinschaft als auf gleichem Recht begründet definierte.


Dr. Jörn Retterath, >>Institut für Zeitgeschichte München

Was ist das Volk? Volks- und Gemeinschaftskonzepte inj der politischen Mitte in Deutschland 1917-1024, Berlin (Oldenborug) 2016.

Besprechungen seines Buches:
>>H/Soz/Kult; >>Sehepunkte; >>Zukunft braucht Erinnerung

 

Volk Meyers

“Volk” in Meyers Grosses Konversationslexikon, 6. Aufl., Bd. 20, 1908. (Archive.org)

Ausrufung der Republik durch Scheidemann, verschiedene Wortlaute in der Presse und in der stenographischen Aufzeichnung des Journalisten Ernst Friedegg >>Wikipedia

Die Deutsche Tageszeitung war ein überregionales Organ des Mittelstandes, ursprünglich eher rechtskonservativ und antirepublikanisch, >>Wikipedia

 

 

 

Hugo Preuß >>Wikipedia

Carl Schmitt >>Wikipedia

Friedrich Naumann >>Wikipedia

 

Ferdinand Tönnies >>Wikipedia

Gemeinschaft und Gesellschaft, 1887, >>Digitalisat

PD Dr. Lars Behrisch
Forschungsinstitut für Geschichte und Kunstgeschichte, Universität Utrecht

Die zweifache Wurzel von Demokratie im frühneuzeitlichen Europa

Abstract:

Demokratie ist wieder zum Problem geworden. Der Optimismus der 90er Jahre ist verflogen. Wir wissen nicht mehr, ob Demokratie eine Zukunft hat, ja was sie ist oder sein soll. Man fragt nach ihren geschichtlichen Wurzeln, ihrem historischen Sinn. Die Geschichts- wissenschaft aber hat sich von langfristigen ‚Meistererzählungen‘ weitgehend verabschiedet, die theoretisch, methodisch und empirisch in Misskredit geraten sind. In diesem Vortrag wird hingegen argumentiert, daß wir uns nicht von übergreifenden historischen Deutungs- angebote verabschieden müssen - und dürfen: Denn die Geschichtswissenschaft bezieht ihre öffentliche Legitimität nicht zuletzt aus solchen Deutungsangeboten, und die gegenwärtige Krise der Demokratie verlangt um so mehr danach. Es wird argumentiert, dass sich die moderne repräsentative Demokratie aus zwei Wurzeln herleiten läßt, die sich während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit - also bis zum Zeitalter der großen Revolutionen - auf unterschiedlichen Wegen entwickelten: Aus dem Recht auf politische Teilhabe auf der einen Seite und aus der Vorstellung allgemeiner Gleichheit auf der anderen. Eben diese zwei Wurzeln, so wird gezeigt, drohen gegenwärtig erneut auseinanderzutreten. Mit dieser langfristigen historischen Analyse wird keine geradlinige Erfolgsgeschichte geschrieben - und gerade deshalb die Möglichkeit zu einer historisch geschärften Analyse unserer heutigen Krise gegeben.

Behrisch

>>Lars Behrisch, Universität Utrecht

Lars Behrisch: Vormoderne Wurzlen der Demokratie - und ihr Erklärungs- potential für die Gegenwart, in: Geschichte für heute 2/2018, S. 36-47.

Lars Behrisch kam zunächst auf etablierte Geschichtsbilder zu sprechen. Es gibt eine Geschichts- schreibung der Demokratie als Erfolgsmodell, ein “Siegernarrativ seit den Griechen”, wobei dies weitgehend als nationales Ereignis, für England, Frankreich, USA und den “deutschen Sonderweg” betrachtet werde, nicht übergreifend. und vor allem als Geschichte des parlamentarischen Systems mit seinem marktwirtschaftlichen und liberalen Modell. Diese Sichtweise sei telelogisch (alles läuft darauf hin), unilinear und holistisch “als ein Paket”. Hier liege ein kategoriales Problem. Hat man nur dieses Telos im Blick, braucht man keine Kausalität mehr.

Stattdessen solle man, so Behrischs Grundthese, sich fragen: Was sind die Denkweisen der Menschen in der Zeit? Wollten die Vertreter des 3. Standes in der Französischen Revolution die Demokratie? Diese taucht weder vom Begriff her noch von der Sache her auf.

Es steht sich daher die kategoriale Frage: Von welcher Demokratie reden wir? Die notwendige analytische Vorgehen muss den ganzen Raum Westeuropas und Nordamerikas und die Entwicklungsgeschichte berücksichtigen.

Die Ständeversammlungen entstanden ab dem 11. Jh. und waren im weiteren Verlauf von zwei Prinzipien geprägt, die zunächst gegeneinander standen: Partizipation und Gleichheit.

Der Wunsch auf Teilhabe beruhte ursprünglich auf Ungleichheit durch eine quasi “rassistische”, geburtsmäßige Einordnung der Menschen. Das Verständnis dieser Ungleichheit war tief in der Gesellschaft verankert, selbst Bauern hatten noch Menschen “unter sich” (Tagelöhner etc.). Die ständisch-korporative Zugehörigkeit wurde weitervererfbt, es gab keine abstrakten Forderungen nach Gleichheit, die individuelle Gleichheit entwickelte sich nur langsam., sie war auch nicht irreversibel und entsprach nicht dem Prinzip pluralistischer Teilhabe.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach dem Begriff der Freiheit. Sie wurde vollkommen unterschiedlich definiert und faktisch immer im Plural als Freiheiten bestimmter Gruppen mit identischen Privilegien. Auf eine Frage aus dem Publikum zum Bauernkrieg erklärte Behrisch, dass es sich dort bei der Forderungen nach den Freiheiten um die Eiunforderung von alten Freiheiten handelte, nicht um individuelle Freiheit. Dies entsprach auch noch weitgehend den Forderungen der Beschwerdehefte vom Land in der Französischen Revolution, während individuelle Freiheit in den Städten gefordert wurde und dem Bürgerstatus mit seinem Wunsch nach Handelsfreiheit entsprach.

Insofern war die Stadt das Laboratorium der Freiheit und des Gleichheitsgedanken, das sich auch gegen den Korporationsgedanken und die Differenzierungen innerhalb der Stadt richtete.

Die Parlamente gingen aus den Ständeversammlungen hervor, im 15. Jh. setzte sich die Beteiligung von Ständen durch. Im 17. Jh. wurden die Rechte der Stände und die Ständeversammlungen als solche zurückgedrängt in Italien, Spanien und Frankreich, während das ständische Selbstverständnis mehr Mitsprache einfordert aber auch der Basis der Privilegien, also Ungleichheit, wie v.a. in Polen, wo der Adel den Sejm stellt entsprach jedoch fast 10% der Bevölkerung). Der inneren Gleichheit im Adel entsprache eine scharfe Abgrenzung nach außen.

Der Begriff der Republik hat ebenfalls eine große Wandlung vollzogen. Bei Bodin ist er synonym mit Staat. Damalige Republiken hatten Teilhabe auf der Grundlage der Ungleichheit, wie Venedig, die Schweizer Kantone, die sehr unterschiedlich regiert wurden, oder die Niederlande, die ein patrizisches Regiment hatten.

Das parlamentarische System in England war lange von einer vollkommen ungleichen Einteilung in Wahlkreise geprägt, die durch z.T. drastischen Entvölkerungsrückgang in ländlichen Krisen (“rotten borroughs”) auf der einen Seite und das durch die Industrialisierung herbeigeführte Anwachsen der Städte gekjennzeichnet swar, das jedoch wahltechnisch nicht berücksichtigt wurde, so dass sich die wahlberechtigte Bevölkerung auf 10% reduzierte. Eine erste Wahlrechtsreform 1832 wirkte dem entgegen, brachte allerdings noch kein allgemeines Wahlrecht..

Cf. Wilfried Nippel: Antike oder moderne Freiheit? Die Begründung der Demokratie in Athen und in der Neuzeit. Frankfurt a.M. (S. Fischer) 2008. - Der Autor relativiert stark die Bedeutung der Antike für die Herausbildung der modernen Demokratie in der Frühen Neuzeit.

Fijheit_Murner

Frijheit doch mal im Singular..., Das Bild wurde im historischen Rückblick zur Ikone der aufständischen Bauern - zu Recht? Es stammt aus der antilutherischen Schrift des Franziskaners Thomas Murner: Von dem grossen Lutherischen Narren wie in doctor Murner beschworen hat, Bild Nr 118, MDZ >>Digitale Bibliothek.

Reform Act 1832 >>Wikipedia

Für Deutschland hat schon Peter Blickle 1973 aufgezeigt, dass die Idee allgemeiner Gleichheit in der Frühen Neuzeit allenfalls religiös abstrakt erhoben wurde, im Kontext der konfessionellen Auseinandersetzung oder im Bauernkrieg. Die Gleichheit taucht als zentrales Thema in den Totentänzen auf, vor dem Tod sind letzten Endes alle Menschen gleich. Dabei wurde soziale und rechtliche Ungleichheit noch gleichsetzt als von Gott gegeben.

Die politische Forderung nach rechtlicher Gleichheit im Hier und Jetzt kam erst mit John Locke.

In Zwischenfragen wurde an dieser Stelle auf die Vorstellung individueller Freiheit in der Renaissance hingewiesen sowie auf die calvinistischen “Monarchomachen” in Frankreich, die im Zeitalter der Hugenottenkriege die Legitimität der monarchischen Herrschaft in Frage stellten.

Historisches_Museum_Basel_Totentanz_25102013_E

Herr Behrisch erklärte dazu, dass das Ideal individueller Freiheit in den italienischen Renaissance-Republiken mit einer absolutistischen Herrschaft der Fürsten einherging und die Calvinisten die Legitimität der katholischen Fürsten oder generell der ihre Macht missbrauchenden Monarchen bestritten, aber nicht die monarchische Legitimität schlechthin.

Im Mittelalter waren Gleichheitsvorstellungen nur in kleinräumigen Kontexten möglich, generell wurde die Legitimität von Obrigkeit anerkannt.

Zur Idee von Gleichheit gab es in der Frühen Neuzeit trotz der beschriebenen Beschränktheit somit drei Zugänge: korporatistisch, religiös, ökonomisch.

Im Zuge wirtschaftlicher Modernisierung kam aber auch, weniger politisch, über das zweckrationale Denken (Max Weber) und das Effizienzprinzip eine egalisierende Tendenz zum Tragen.(Abbau von Ungleichheiten als ökonomischen Hemmnissen). Die Demokratie knüpfte weniger an eine abstraktes Ideal als an bestehenden Formen der Paritzpation an, die sie ausweitete, und zwar auch gegen weiter bestehende partikulare Interessen.

Basler Totentanz. Kopie 1806 einer ursprünglichen Wandmalerei an der Friedhofsmauer der Predigerkirche.
Historisches Museum Basel / Wikimedia Commons. Historischer Hintergrund >>Wikipedia

Peter Blicke: Landschaften im alten Reich. Die staatliche Funktion des gemeinen Mannes in Oberdeutschland. München (Beck) 1973.


Kurt Meyer, StD a.D.
Ehem. Jakob-Grimm-Schule Rotenburg / Studienseminar Kassel
Gegen Vergessen - für Demokratie e.V.
Stiftung Adam von Trott

Gespräche über seine beiden Bücher, die autobiographischen Erfahrungen und Recherchen über seinen Vater und sein Engagement für „Gegen Vergessen - Für Demokratie

Kurt Meyer war als Autor zweier Bücher geladen, die in dem Seminar von ihm vorgestellt wurden und zur Diskussion anregten. Wir geben ier im Folgenden zwei Besprechungen der Bücher wieder. Das erste wurde am Abend vorgestsellt, das zweite am zweiten Fortbildungstag in Verbindung mit der Vorstellung des Vereins Gegen Vergessen -Für Demokratie e.V. durch Klaus Müller, siehe unten.

Kurt Meyer ist auch Mitglied des Beirats der Stiftung Adam von Trotz, die in Imshausen, die unweiten von Rotenburg a.d. Fulda am ehemaligen Wohnsitz der Familie von Trott zu Solz eine Begegungs- und Tagungsstätte als einen “Ort von Dialog und Reflexion” unterhält, Veranstaltungen und Bildungsangebote zum Thema Diktatur und Widerstand, Friedensarbeit im Geist der Ökumene und Ost-West-Begegnung durchführt.

1. Über den Umgang mit der NS-Vergangenheit

Geweint wird, wenn der Kopf ab ist. Annäherungen an meinen Vater, „Panzermeyer“,  SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS. Kassel (Jenior), Neuauflage 2017 (Erstausg. Freiburg 1998)

Besprechung und Bericht von Regina Kampe.

Zum Buch:

Kurt Meyers Veröffentlichung Geweint wird, wenn der Kopf ab ist ist kein historisches Sachbuch. Es handelt sich vielmehr um, wie der Untertitel schon verrät, „Annäherungen an meinen Vater, „Panzermeyer“, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS“.

Schon der Titel des Buches lässt zweierlei erahnen: Erstens, dass Kurt Meyer eine Kindheit und Jugend erlebt hat, die von Erziehungsmethoden, wie sie in der Zeit des Nationalsozialismus üblich waren, geprägt war. Und so finden sich in seinem Buch auch zahlreiche Anekdoten die diese Form der Erziehung, eine Mischung aus Prinzipien, Härte und Liebe, beschreiben. Zweitens handelt es sich um Annäherungen an einen Menschen, der nicht konkret fassbar war, der in zwei Welten zu Hause war, ideologisch dem Nationalsozialismus weiter verpflichtet war, nach Ende desselben und auch noch nach Gründung der Bundesrepublik bis zu seinem Tod.

Erschienen 1998 und 2017 neu aufgelegt besticht die Veröffentlichung durch ihre Aktualität. Gerade in Zeiten der schwierigen Aufarbeitung der NSU-Verbrechen, der Ermordung des hessischen Regierungspräsidenten Lübcke und den Anschlägen von Halle wird deutlich, dass die deutsche Katastrophe zwar über 70 Jahre her ist, aber eben doch nicht so weit weg ist wie sie scheint (vgl. S. 9). Diese Erkenntnis war eben 2017 auch noch nicht so stark ausgeprägt wie heute.

Hochaktuell ist auch die These, dass wir offensichtlich zu lange auf die („nur“) 10% Neonazis geblickt und nicht verstanden haben, dass ein signifikant größerer Teil der Gesellschaft fremdenfeindliche und vor allem antisemitische Positionen teilt. Dies wird dann auch in Vogelschiss- und Judaslohndebatten deutlich. Der Autor analysiert diese Problematik ausgehend von seinem familiären Blickwinkel, ohne die jüngsten Ereignisse erahnt haben zu können.

Kurt Meyer blickt auf den Nationalsozialismus aus persönlichen Gründen zurück und gibt den Lesern Anregungen und Erkenntnisse, wie die NS-Diktatur aufgearbeitet wurde bzw. heute wahrgenommen wird – von nachfolgenden Generationen, aber auch von den Akteuren selbst. Nicht nur die gelungene Reflexion über den Nationalsozialismus ist für die Leser von Interesse, sondern gerade auch der von ihm beschriebene Sumpf, in dem viele Beteiligte steckten und noch immer stecken. Was seine Schilderungen auch auszeichnet, ist, dass Meyer sich lange Zeit überlegt hat, dieses Buch zu schreiben. So bleibt zwar seine innere Zerrissenheit stets offensichtlich, jedoch ist dem Autor keine emotionale Hitze anzumerken, die eine fehlende Distanz zum Thema vermuten lassen würde. Nichtsdestoweniger formuliert Meyer: „Wo immer es um die Geschichte des Dritten Reiches ging, war ich persönlich betroffen. Obwohl ich Geschichte studiert hatte, fand ich nicht zu kritischer Distanz“ (S. 202).

Die kritische Distanz, die Meyer nicht immer behauptet einzuhalten, wird vielleicht am ehesten deutlich an den Stellen, an denen er pauschale Urteile über Akteure des NS ablehnt. Gleichwohl erklärt der Autor seine Beweggründe und äußert auch Verständnis dafür, dass er für seine Haltung mehrfach misstrauisch beäugt wurde. Er weigert sich, pauschale Urteile zu treffen, will die Menschen und ihre Beweggründe zu ihrer Zeit verstehen.

Meyer führt imaginäre Gespräche mit dem Vater: Gedanken werden geäußert, Vermutungen aufgestellt, Vorwürfe gemacht. Auch Monologe über seine Recherchen und Erlebtes enthält das Buch an vielen Stellen. Diese bieten einerseits tiefen Einblick in die Gefühlswelt des Autors, in seine Zerrissenheit. Er lässt den Leser teilhaben an seiner Suche nach Antworten. Andererseits machen diese Passagen es dem Leser nicht immer ganz leicht, ihm auf seinem Weg zu folgen. So heißt das 11. Kapitel auch „Die Wahrheit ist biografisch. Wie schwierig es ist, sich von den eigenen Zusammenhängen zu lösen.“ Vielleicht könnte man daran anschließen, dass es auch nicht möglich ist, diese Wahrheit der Allgemeinheit klarzumachen. An anderen Stellen wieder dominiert der Sachbuchton. Unzählige Belege aus Quellen werden geliefert, Literaturzitate aufgegriffen. Und so ist Kurt Meyers Buch ein riesiger Fundus an Zitaten und Zusammenhängen.

Kurt Meyer stellt viele Fragen, begibt sich in seinem Buch auf die Suche auf Antworten, aber findet sie – hat man den Eindruck – trotz aller Anstrengungen nur teilweise. Seine Ausführungen sind daher auch psychologische Auseinandersetzung mit seiner familiären Vergangenheit und unserem Bild von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

…zum Vortrag

Wovon Kurt Meyer den Gästen des Nauroder Seminars berichten möchte, lässt sich mit einem Zitat aus „Panzermeyer“ zusammenfassen:

„Das Festhalten meines Vaters an der alten Schicksalsgemeinschaft, seine Beteiligung an Kriegsverbrechen sowie sein Umgang mit schlimmsten NS-Tätern gehen mich bis heute etwas an, zumal ich mit diesen Personen selbst vertraut war. Der innere Prozess aber, bis ich die Hintergründe erkannt hatte und die Fakten zur Kenntnis zu nehmen bereit war, dauerte Jahrzehnte an – parallel zur sukzessiven wissenschaftlichen Aufarbeitung. Wenn es aber schon manchem Historiker schwerfällt, der Vergangenheit aus kritischer Distanz zu begegnen – wie erst soll es dann uns, den Söhnen, Töchtern oder Enkeln der SS-Väter und -Großväter, ergehen?“ (S. 333)

Es geht ihm um folgende Fragen: Wie „ticken“ Menschen? Wie kommt völkisches Gedankengut zustande? Weshalb reagieren die Menschen auf Vereinfachungen? Warum haben sie Sehnsucht nach Führungspersonen?

Wir als Geschichtslehrerinnen und -lehrer haben, so Meyer, eine ganz wichtige Rolle, nämlich ein Gegengewicht zu diesen Tendenzen zu entwickeln.

Meyer fühlte sich verpflichtet, dieses Buch zu schreiben als Reaktion auf die Biografie seines Vaters, auf seinen in viele Sprachen übersetzten Bestseller „Grenadiere“, auf Verdrehungen, Vertuschungen und Beschönigungen. Er musste 50 Jahre alt werden, um dieses Projekt anzugehen und um dem allem etwas entgegen zu setzen.

Der Tenor liegt darin, dass nicht das Problem ist, was „Panzermeyer“, der Vater Kurt Meyers, schreibt, sondern was er nicht schreibt, was er weglässt. Es geht um Erschießungen und Zerstörung von Dörfern, die von ihm veranlasst worden sind. Es habe, so behauptete „Panzermeyer“ einmal, keine Verbrechen deutscher Offiziere mit Ausnahme von Oradour gegeben.

Meyer berichtet in seinem Vortrag also über die Ausgangspunkte und den Prozess des Schreibens. Er unterstützt seine Ausführungen mit zahlreichen mitgebrachten Fotos und Objekten: Er reicht herum Übersetzungen des Buches „Grenadiere“, einen Griffelkasten, Briefe, usw. und jedes Dokument stellt für sich allein schon einen unschätzbaren Wert für die Zuhörer dar, das die Aussagen von Meyer valabel machen.

Kurt Meyer erzählt lebendig, engagiert. Er erzählt eine Geschichte, die viele Deutsche so oder so ähnlich erzählen hätten können. Sie taten aber nicht, häufig aus Rücksicht auf ihre Familie. Ihm wurde von seiner Familie der Vorwurf gemacht, seiner Mutter mit diesem Buch wie mit einem Bajonett ins Herz zu stoßen. Seine Mutter und sein Schwager bezeichneten sein Buch als schwarzes Buch und untersagten ihm die Verbreitung. Seine vier Schwestern (Kurt war das jüngste Kind) gingen ganz unterschiedlich damit um, nur seine jüngste Schwester hielt zu ihm. Nichtsdestoweniger sah und sieht sich bis heute Kurt Meyer in der Pflicht über die Vergangenheit und die Leerstellen in der Gegenwart zu schreiben und zu sprechen.

Sein Vater sei emphatisch gewesen, sagte einer seiner Schwestern. Wer solche Verbrechen verübt hat, sagt Kurt Meyer hingegen, sei fanatisch gewesen. Er müsse außerhalb von sich selbst gestanden haben, wenn er zu solchen Taten fähig gewesen war. Dennoch, gibt Meyer auch zu, sei sein Vater liebevoll gewesen.

Im Internet stellt Meyer eine Tendenz fest, Krieg und Verbrechen zu verharmlosen. Lehrer müssten dagegen halten. Wir tun viel, wenn wir dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler „die Ambivalenzen in der Welt aushalten“, schließt er seinen Vortrag.

 

2. Gegen Vergessen – Für Demokratie:
Erfahrungen und Perspektiven

Kommt, reden wir zusammen. Zwei Jahrzehnte „Gegen Vergessen - Für Demokratie“ an der Jakob-Grimm- Schule Rotenburg an der Fulda. Kassel (Jenior) 2019

Petra Dejon hatte damals auch an mehreren Veranstaltungen von Kurt Meyer teilnehmen können. Erinnerung und Lektüre haben sich so miteinander verbunden.

Atemlose Stille. Man könnte Stecknadeln fallen hören. Diese Atmosphäre herrschte in der Aula der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg an der Fulda, wenn Kurt Meyer, (ehemaliger) Kollege und Ausbilder für Geschichte am Studienseminar Kassel einen Gast in der Reihe „Gegen Vergessen-Für Demokratie“ eingeladen hatte und alle Anwesenden den Ausführungen lauschten.

Ich schreibe dies nicht, weil ich glaube, dass es so war. Ich habe es in meiner Zeit in Rotenburg miterlebt, habe mit meinen Geschichtskursen diese Tage vor- und nachbereitet und war selbst berührt, Menschen, die ich oft nur aus der Zeitung, ihren Büchern oder den Medien kannte, leibhaftig in der Aula meiner Schule zu haben und zu erleben, wie hoch das Interesse der Schülerinnen und Schüler an lebendigen Schilderungen aus der Geschichte ist. So viel unmittelbares Lernen, so viel Konzentration und Aufmerksamkeit erfährt man im allgemeinen Unterrichtsgeschehen eher selten.

Und die Bandbreite der Gesprächspartner ist groß: Mit Martin Bormann, dem Sohn von Martin Bormann, dem Sekretär Hitlers über Ralf Giordano, dessen Werk „Die Bertinis“ durch die Serienverfilmung einem großen Publikum nahegebracht wurde, bis zu Joachim Gauck – damals noch bekannt durch die nach ihm bekannte „Gauck-Behörde“ und später dann Bundespräsident: Es ist nicht hoch genug einzuschätzen, als Schüler, aber auch als Lehrkraft solche Personen in unmittelbarer Nähe hören und befragen zu dürfen.

Nun hat Kurt Meyer einen Band vorgelegt, der auf 259 Seiten diese Begegnungen aus        20 Jahren dokumentiert. (Ehemalige) Schülerinnen und Schüler sowie Kolleginnen und Kollegen können nochmals nachlesen, was die Zeitzeugen zu sagen hatten, können die Atmosphäre der einzelnen Vormittage wieder in Erinnerung rufen und freuen sich über das Motiv auf dem Buchumschlag: Es zeigt Sisyphus, der seinen Felsen immer wieder nach oben rollt, um das Schicksal seiner Tartarusqualen zu erfüllen.

Zudem sind unter den Autoren ehemalige Rotenburger Schüler vertreten, z.B. Uwe Walter mit dem Vorwort, Ralf Peters mit seinen Forschungen über die Feldpostbriefe Wilhelm Gronebaums aus dem Ersten Weltkrieg oder zum Schluss Hans-Ulrich Thamer, der mit seinem Beitrag deutlich macht, welche Formen des historischen Gedächtnisses durch Gespräche und Begegnungen geformt werden, wie sie hier dokumentiert sind.

Wofür eignet sich jedoch dieser Band, wenn man selbst nicht das Glück hatte, dabei gewesen zu sein? Hat das Buch eine Strahlkraft über Rotenburg an der Fulda hinaus?

Ich denke schon. Es ist zum einen für Kolleginnen und Kollegen eine Informations- und Inspirationsquelle: Auf einer überschaubaren Seitenzahl kann man sich über Begebenheiten der Geschichte des 20. Jahrhunderts informieren, für die man sonst verschiedene, dicke Bücher lesen müsste.

Aus der Geschichte der NS-Zeit kann man multiperspektivisch verschiedene Lebensbereiche lesen: Insbesondere die Schilderungen von Joachim Gauck, wie die DDR das Leben von „Paul“ und „Marie“ mitbestimmte, von Manfred Scharrer mit seiner „Tatwaffe Erika“ sowie die Ausführungen von Horst von Quillfeld, durch die das Auditorium erfahren konnte, was man erleiden musste, wenn man in der DDR nicht regimekonform war, sind so dicht, dass sie einprägsam sind und gut informieren.

Zum anderen ist das Buch ein Gewinn für Schülerinnen und Schüler: Sie können erfahren, wie es ist, sich als Kind von Tätern und Verfolgten der NS-Zeit mit den Eltern auseinanderzusetzen, erhalten Schilderungen aus dem Leben in der DDR oder Einblicke in das BKA, in den Alltag von Politikerinnen, Schriftstellern oder in die Arbeit eines Historikers, wenn Ralf Peters berichtet, wie er die Feldpost auswertet oder wenn Hans-Ulrich Thamer eine Antwort auf die Fragen „Warum erinnern? Warum Geschichte? gibt.

Für Schulen in Nordhessen ist auch ein Besuch an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg an der Fulda denkbar: Nach Vereinbarung nimmt sich Dr. Heinrich Nuhn gerne Zeit für eine Führung durch die Judaica-Geschichtswerkstatt und die OFLAG-Ausstellung, die mittlerweile in einem Seitenflügel der Jakob-Grimm-Schule ihren Platz gefunden hat.  Auch die Mikwe in der Altstadt stellt ein wertvolles historisches Zeugnis dar, deren Besichtigung z.B. die Lektüre von z.B. „Damals war es Friedrich“ sinnvoll ergänzen kann.

Es kann aber auch Mut machen: Mut, selbst an seiner Schule Begegnungen möglich zu machen, Mut zu Projekttagen, durch die man mehr vermitteln kann als im täglichen Unterrichtsgeschäft. Gerade in den heutigen Zeiten mit Fakenews und dem Erstarken der radikalen Ränder ist das Buch mit so unmittelbaren Erfahrungen wichtig und hilfreich.

Ich habe den Band gerne gelesen, habe vieles dazugelernt (auch wenn ich bei einigen Begegnungen dabei war) und kann es Kolleginnen und Kollegen sehr empfehlen.

Inhalt:
1998 -- Martin Bormann, Sohn von Martin Bormann, dem Sekretär Hitlers, liest aus seinem Buch über den Vater: „Leben gegen Schatten"
1999 - Gerd-Ekkehard Lorenz berichtet über seine Schulzeit in der NAPOLA sowie seinen Widerstand gegen Stalin in der SBZ
2000 - Ralph Giordano liest aus seinem autobiografisch geprägten Roman „Die Bertinis"
2001 - Marianne Meyer-Krahmer, Tochter von Carl Goerdeler, stellt ihr Buch vor: „Carl Goerdeler und sein Weg in den Widerstand"
2002 - Hanna-Renate Laurien: Zivilcourage
2003 - Dieter Schenk: Die braunen Wurzeln des Bundeskriminalamts

2004 - Helmut Hosenfeld, Sohn von Wilm Hosenfeld, dem Retter des polnischen Juden Wladyslaw Spzilman, liest aus Briefen und dem Tagebuch seines Vaters
2005 - Benno Prieß: Werwolf-Schicksale mitteldeutscher Jugendlicher
2006 - Niklas Frank, Sohn von Hans Frank, dem Generalgouverneur im besetzten Polen: „Der Vater. Eine Abrechnung"
2007 - Cornelia Schmalz-Jacobsen, deren Eltern jüdische Mitbürger retteten und in Yad Vashem dafür geehrt werden, liest aus „Zwei Bäume in Jerusalem"
2008 - Manfred Scharrer: „Der Leserbriefschreiber. Tatwaffe Erika"
2009 - Joachim Gauck erzählt aus dem Leben in der DDR- Diktatur
2010 - Johannes Gerster, ehem. Leiter der Konrad-Adenauer- Stiftung in Jerusalem, berichtet über seine Jahre in Israel
2011 - Rainer Eppelmann liest aus seiner Autobiografie „Gottes doppelte Spur. Vom Staatsfeind zum Parlamentarier"
2012 - Renate Schmidt im Interview mit Kurt Meyer
2013 - Horst von Quillfeldt über seinen Kampf um Reisefreiheit in der SBZ
2014 - Hermann Vinke präsentiert sein neues Jugendbuch über den Ersten Weltkrieg
2015 - Ralph Peters liest aus Feldpostbriefen des Soldaten Wilhelm Gronebaum
2016 - Hermann Vinke: „,Ich sehe immer nur den Menschen vor mir.' Das Leben des deutschen Offiziers Wilm Hosenfeld"
2017 - Heinrich Nuhn: Die Jakob-Grimm-Schule als Offiziersge- fangenenlager im Zweiten Weltkrieg
2018 - Hans-Ulrich Thamer: Warum erinnern? Warum Geschichte?


>>Stiftung Adam von Trott Imshausen

Meyer1
Meyer2

 >>Geschichte der Jakob-Grimm-Schule auf der Schulwebsite

OFLAG-Museum an der JGS

 

Klaus Müller
OStD a.D., Regionalkoordinator Hessen-Süd von Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

Vorstellung des Vereins Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

Klaus Müller gab zunächst einen Überblick über die Geschichte des Vereins. Er wurde 1993 in Bonn als überparteiliche Vereinigung gegründet, die Wurzeln gehen jedoch auf auf die Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten.zurück, die nach dem Krieg und auf Initiative Kurt Schumachers gegründet worden war. In der Folge ergab sich eine Trennung von der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes(, da sich die AG der SPD dann auch die Thematik der Verfolgung von Sozialdemokraten in der DDR annahm und die Partei einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der VVN erließ.

Die Gründung von Gegen Vergessen... erfolgte 1993 unter dem Eindruck der Welle fremdenfeindlicher und rechtsextremistischer Gewalt nach der Wiedervereinigung (Hoyerswerda u.a.), Hans-Jochen Vogel war sein erster Vorsitzender. Der überparteiliche Verein integrierte ebenfalls die erinnerungskulturelle Arbeit zur zweiten deutschen Diktatur.

Der Verein hat heute ca. 2200 Mitglieder und 40 Regionalgruppen, darunter vier in Hessen, und leistet eine umfangreiche Erinnerungs-, Beratungs- und Bildungarbeit im Sinne des Vereinsnamens, durch Projekte und Veranstaltungen vor Ort, Ausstellungen und Publikationen. Zahlreiche Publikationen gibt es auch gratis als Download, so z.B. Demokratiegeschichte als Beitrag zur Demokratiestärkung  oder  Vereinnahmung von Demokratiegeschichte durch Rechtspopulismus.

Über alle Aktivitäten informiert die Website des Vereins. Über die Regionalgruppen sind auch Ansprechpartner in geographischer Nähe kontaktierbar.

 

>>Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. (Bundesverband)

GVFD vor Ort:
>>Nordhessen-Südniedersachsen
>>Mittelhessen
>>Rhein-Main
>>Südhessen

Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten >>Wikipedia

Ausführlicher: Geschichte von Gegen Vergessen... zum 20jährigen Jubiläum im  >>GVFD Magazin 79

Michael Parak (Hrsg.): >>Demokratiegeschichte als Beitrag zur Demokratiestärkung

Michael Parak / Ruth Wunnicke (Hrsg.): >>Vereinnahmung von Demokratiegeschichte durch Rechtspopulismus

 

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