Web Design
Tagung Migration

Verband Hessischer Geschichtslehrerinnen und -lehrer VHGLL

Bericht über die Jahrestagung am 21.5.2016 an der Philipps-Universität Marburg:

Migration in Geschichtswissenschaft und -unterricht

1. Dr. Imke Sturm-Martin (Köln): Migration im 19. und 20. Jahrhundert

2. Prof. Dr. Andreas Körber (Hamburg): Migration als Gegenstand und Bedingung für den Geschichtsunterricht

3. Rainer Ohliger (Berlin): Migration im Unterricht: Anregungen und Ideen für die Praxis

 


1. Dr. Imke Sturm-Martin (Köln): Migration im 19. und 20. Jahrhundert

Frau Dr. Sturm-Martin gab in ihrem Vortrag einen Überblick über die neuere Migrationsgeschichte, die wichtig für das Verständnis über die Gegenwart ist. An der Universität hat sie die Erfahrung gemacht, dass Studierende wenige Vorerfahrungen mit Migration(sgeschichte) haben.

Zunächst verdeutlichte sie Wanderungsbewegungen in der Welt im Verlauf des langen 19. Jahrhunderts unter Zuhilfenahme einer stummen Karte.

Signifikante Einflussfaktoren für Migration in dieser Epoche waren Bevölkerungswachstum, die Transportrevolution (z. B. Dampfschifffahrt, Eisenbahn), Arbeitskräftebedarf durch die  Industrialisierung sowie die Besiedlung der Kolonialgebiete.

Zwischen 1840 und 1880 migrierten 15 Mio. Europäer, im späten 19. Jahrhundert waren es gar 55 bis 60 Mio. Es handelte sich vornehmlich um Wanderungsbewegungen von Ost nach West, und zwar innerhalb Deutschlands, in Europa und weltweit.

Als Beispiel wurden die Polen angeführt: Durch die Modernisierung der Landwirtschaft wanderten viele ins Ruhrgebiet (die sogenannten Ruhrpolen) und in die schlesischen Industriegebiete ein. Sie  blieben mobil und zogen teilweise weiter nach Belgien. Das Deutsche Reich und Preußen waren keineswegs polenfreundlich: Es gab keine Schulen für Polen, wohl aber polnische Zeitungen und  Bibliotheken. Erlaubnisse zu Gottesdiensten in polnischer Sprache wurden nicht erteilt. Die Reaktion der Polen in Deutschland war Separation einerseits, andererseits aber auch Integration durch Verhandlungen mit deutschen Stellen zur Bildung von Organisationen.

Die Wanderungsbewegungen des 19. Jahrhunderts standen im Widerspruch zum erstarkenden Nationalismus: Pogrome in Russland führten beispielsweise dazu, dass drei Mio. Juden aus Russland nach Westeuropa flüchteten. Es folgte die Einrichtung von Lagern an der preußischen Grenze. Das größte Lager befand sich in Hamburg. Ziel war es, die Juden schnellstmöglich weiterreisen zu lassen. 1882 brach jedoch die Cholera aus. Folge war die Schuldzuweisung an die Juden. Daraufhin bittet Hamburg die preußische Regierung, die Grenzen zu schließen, was den Interessen der Reeder entgegen trat. Sie setzen durch, eigene Kontrollstationen bilden zu können.

1905 wurde der „Aliens Act“ in Großbritannien erlassen, die USA lassen wenig später Einwanderungsbeschränkungen folgen.

Das Ende des langen 19. Jahrhunderts könnte als „Jahrhundert der Flucht“ bezeichnet werden: Großreiche wie das Osmanische Reich zerfallen Mitte des 19. Jahrhunderts. Dies führte zu einer kontinuierlichen Rückwanderung in das osmanische Kerngebiet.

Der Erste Weltkrieg war der absoluter Höhepunkt von Migration. So setzten Großbritannien und Frankreich afrikanische Soldaten im Krieg ein; fehlende Arbeitskräfte im eigenen Land wurden durch Zwangsarbeiter kompensiert; Minderheiten wurden interniert, da ihnen der Vorwurf der fehlenden Loyalität gemacht wurde; usw.

Im August 1914 hatte die Stadt Maastricht beispielsweise 37000 Einwohner und nahm 14000 Flüchtlinge vorübergehend auf.

In der Folge des Ersten Weltkrieges gab es massive Bevölkerungsverschiebungen mit Blick auf Deutschland (4 Mio.), Österreich und Griechenland/Türkei.

Der Zweite Weltkrieg machte 55-60 Mio. Menschen zu Migranten in Europa; in China flüchten 13-30 Mio. Chinesen vor den Japanern; in Deutschland gab es um die acht Mio. Flüchtlinge; Massendeportationen von Wolgadeutschen und Schwarzmeerdeutschen innerhalb der Sowjetunion wurden vollzogen; Siedlungsgebiete von Deutschen in Süd-Ost-Europa wurden von den Nationalsozialisten entdeckt und sie wurden rekrutiert für die Heim ins Reich-Bewegung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mündet Migrationsgeschichte stark in Volkstumsforschung, d.h. Sie wird unpopulär, anders im westeuropäischen Ausland. In Deutschland erfährt sie erst in den 1990er Jahren einen Aufschwung. In den 50er Jahren wurde gleichwohl eine umfassende Dokumentensammlung zum Thema Flucht und Vertreibung im Auftrag des Bundesministeriums für Vertriebene von namhaften Historikern veröffentlicht.

Die Arbeitskräfteanwerbung in der Nachkriegszeit führte erneut zu einem Migrationsschub. Die  Montanunion setzt 1951 für Bergarbeiter Freizügigkeit fest, in der EWG ab 1958 für alle Arbeiter. Fluchtwanderungen gab es in der Folgezeit insbesondere im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg.

Postkoloniale Migration gab es in Frankreich (Nordafrika) und in Großbritannien (Karibik, Asien). Die Migranten bewohnten eigene Viertel, ja häufig Slums.

 


Prof. Dr. Andreas Körber (Hamburg): Migration als Gegenstand und Bedingung für den Geschichtsunterricht

Frau Sturm-Martin und Herr Körber analysierten die tabuisierte bzw. stark eingeschränkte Thematisierung von Migration als Folge der Hypothek des Nationalsozialismus, wie es sich ja auch in der Politik bis in die jüngste Zeit um die Frage des Gedenkens zeigt. Migrationen, die klassisch im Unterricht behandelt werden, werden fast nur als Aspekt der Nationalgeschichte thematisiert und entsprechend in ihrer Eigenständigkeit und Folgewirkung minimiert. Auch bleibt der europäische und globale Rahmen weitgehend außer Betracht, sieht man einmal vom Klassiker „Völkerwanderung" ab, der immer noch Vorstellungen erzeugt, die von der Wissenschaft längst überholt sind.

Erst seit den 1990er Jahren hat sich dies verändert. Prof. Körber legte den komplexen Prozess der damit verbundenen wissenschaftlichen Fragestelllung dar, die sich jedoch in der Praxis auch im Unterricht (heterogene Klassen) wiederfindet, aber bislang noch zu wenig den Unterricht verändert hat. Wir betreiben im Wesentlichen noch nationalgeschichtlichen Unterricht, der nicht nur die Präsenz von Herkunftsmigrationen, sondern auch die Veränderung der Nationalgeschichte faktisch ignoriert.

 Migrationen, wie sie der klassische Unterricht thematisiert, sind historische Ereignisse wie andere auch (Völkerwanderung..., Hugenotten...), sie sind nicht Teil einer übergreifenden Thematisierung der Konsequenzen von MIgration für die Gesellschaft. Dies betrifft schon die Begrifflichkeit und Vorstellung von „Kultur", deren traditionelle ethnisch-nationale Konzeption hinfällig ist. Die Prozesse der Migration und Integration der Migranten verändern auch die aufnehmende Mehrheitsgesellschaft und deren Kategorien von Eigenem und Fremdem. Daraus ergibt sich eine Veränderung der Identität der Staatsbürgernation durch deren Heterogenisierung.

Dabei geht es nicht nur um die Kritik der alten Traditionsbestände des Geschichtsunterrichts, sondern auch um die „negative Identität" infolge der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Die Kompetenzorientierung eröffnet einen Weg, dieser Heterogenität durch eine Orientierung jenseits vorgezogener Bahnen gerecht zu werden, die als Gemeinsames eine Basis der Verständigung über Zugehörigkeit, Identität usw. vermittelt. Dazu gehört für beide, Herkunftsdeutsche und Herkunftsmigranten, durch den Geschichtsunterricht mehr über das Phänomen Migration durch historische Parallelen zu erfahren und darüber zu reflektieren.

 


3. Rainer Ohliger (Berlin): Migration im Unterricht: Anregungen und Ideen für die Praxis

Dazu präsentierte Herr Ohliger, ebenfalls ausgehend von systematischen Überlegungen, Praxisbeispiele für den Unterricht, bezugnehmend auf einschlägige Publikationen, z. B. von der bpb, und Projekte, z. B. das Museum Friedland (www.museum-fried-land.de). Auch sei hier auf das „Netzwerk Migration in Europa" verwiesen, in dem Herr Ohliger geschäftsführend mitarbeitet (www.network-migration.org). Abschließend führte er mit einer Teilnehmerin und einem Teilnehmer ein interessantes Quiz zu Fotos durch, die historische Szenen der Ankunft von Migranten in Deutschland zeigten und die man entsprechend zuordnen musste. Eine ausführlichere Berichterstattung von derTagung mit Links und Hinweisen wird es auf der Website des Landesverbandes geben

 

 

[Start] [Aktuell] [Empfehlungen] [VGD - Der Verband] [Didaktik/Bldungsstandards] [KCGO] [Veranstaltungen] [Berichte] [100 Jahre VGD] [30 Jahre 1914-45] [Tagung Migration] [Reformation] [1917-2017] [Themen] [Lehrausfluege Hessen] [Infos und Links] [Impressum/Datenschutz]