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30 Jahre 1914-45

Verband Hessischer Geschichtslehrerinnen und -lehrer VHGLL

Rückblick

Jahrestagung des HGV
Samstag, den 10.05.2014, in der Philipps- Universität Marburg zum Thema:

Der Dreißigjährige Krieg des 20. Jahrhunderts? Erinnerung und Analyse

Eröffnung der Jahrestagung durch den Vorsitzenden des Hessischen Geschichtslehrerverbandes,
Ulrich Kirchen.

Von Charles de Gaulle und Winston Churchill während des Zweiten Weltkriegs bis zu Hans-Ulrich Wehler 2004 und darüber hinaus wurde der Begriff des „Zweiten Dreißigjährigen Krieges“ vielfach gebraucht um die beiden Weltkriege miteinander zu verbinden und  als eine eigene Epoche zu charakterisieren.
In Deutschland hat dann lange der Zweite Weltkrieg den Ersten überschattet. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand stellt sich jedoch verstärkt die Frage nach den Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen beiden Weltkriegen: nach den Voraussetzungen, die der Erste für den Zweiten schuf, und nach der Besonderheit der Vernichtungspolitik, die den Zweiten Weltkrieg prägte.
So wird auch die Erinnerungsgeschichte und die Geschichte der wissenschaftlichen Aufarbeitung Teil einer Gesamtgeschichte dieser Epoche und ihrer Bewertung. Einige Aspekte davon sollen auf unserer Tagung näher beleuchtet werden und zur Diskussion darüber anregen:

Kirchen

(c) Alle Fotos: W. Geiger

Inwiefern der Erste Weltkrieg eine neue und besondere Geschichte der Gewalt eröffnete, stand im Mittelpunkt des Vortrages von Prof. Cornelißen.
Die Rolle des Widerstandes im Zweiten Weltkrieg in der öffentlichen Erinnerung war dagegen das Thema von Prof. Conze und damit auch die Frage nach der Fatalität des Geschehens und den Möglichkeiten es zu beeinflussen.

In den parallelen Workshops am Nachmittag stellten Herr Dr. Liepach und Frau Kampe Formen der Erinnerung, des Gedenkens und der Aufarbeitung der damit verbundenen Fragen vor: Herr Liepach europäische Erfahrungen und Sicht- weisen in vergleichender Perspektive im Rahmen eines schulischen Europa-Projekts mit sechs europäischen Länder, Frau Campe Möglichkeiten der Spurensuche an realen und virtuellen Orten des Erinnerns, Gedenkens und Nachdenkens hierzulande.

Programm

09.45 Uhr         Ulrich Kirchen (Wiesbaden), Vorsitzender des Hessischen Geschichtslehrerverbandes
                         Begrüßung und Einführung in die Tagung

10.00 Uhr         Prof. Dr. Christoph Cornelißen (Frankfurt)
                         Ein „zweiter Dreißigjähriger Krieg“? 
                         Zur Geschichte der Gewalt in und nach dem Ersten Weltkrieg
                          (Vortrag und Diskussion)

11.15 Uhr         Prof. Dr. Eckart Conze (Marburg)
                         Diffamierung – Heroisierung – Historisierung.
                         Der Widerstand gegen den  Nationalsozialismus in der öffentlichen Erinnerung der
                         Bundesrepublik
                         (Vortrag und Diskussion)

12.30 Uh          Mittagspause

13.45 Uhr         Workshops:

                         Dr. Martin Liepach (Frankfurt)
                         1914 – 2014. Europe lost & found in War and Peace.
                         Methoden, Inhalte und Erfahrungen  transnationaler Projektarbeit

                         Regina Kampe (Wiesbaden)
                         Die Weltkriege – Spurensuche auf Straßen  und Plätzen, in Archiven und im Internet

15.00 Uhr        Plenum


15.20 Uhr        Mitgliederversammlung des Hessischen Geschichtslehrerverbandes

Veranstaltungsort: Philipps-Universität Marburg, Campus Firmanei C, Deutschhausstr. 12.

 

Prof. Dr. Christoph Cornelißen (Goethe-Universität Frankfurt) fasste den umfangreichen Forschungsstand zum Ersten Weltkrieg zusammen und trug Thesen vor, die die beiden Weltkriege in einen engeren Zusammenhang stellen.
Dies betrifft einerseits eine Erweiterung des Blickes über den zeitlichen Rah men 1914-18 und eine räumliche Verengung in germanozentrierter Perspektive hinaus auf die nachfolgenden kriegerischen Konflikte, z.B. Griechenland/Türkei,  Polen/Russland, Russischer Bürgerkrieg. So muss selbst ein umfassender Blick auf den Kontext des Ersten Weltkrieges dessen Horizont auf eine Welle der Gewalt bis 1923 erweitern.
Ein zentrales Thema war die Entstehung extremer Gewalt (“Bestialisierung”) und deren ideologische und propagandistische Vermittlung (Militarismus, soldatisches MännlichkeitsIdeal, Mythologisierung des Fronterlebnisses, Gewaltverherrlichung) über den Ersten Weltkrieg hinaus, verbunden mit den Konflikten im Inneren, der Bildung paramilitärischer Formationen und den politischen Umwälzungen, die zur Entstehung faschistischer und autoritärer Regime führte (“Krieg im Frieden”) .
Der Erste Weltkrieg selbst unterschied sich von den Kriegen des 19. Jahrhunderts, in denen noch eine “eingehegte Gewalt” herrschte, durch seine allseitige Entfesselung der Gewalt, militärtechnisch, strategisch und mental, und v.a. auch gegenüber der Zivilbevölkerung. Dies zeigte sich bereits beim deutschen Einmarsch in Belgien, aber auch v.a. auf dem Balkan, an der Ostfront und auf dem nahöstlichen Kriegsschauplatz (Osmanisches Reich, Armenier). Standrechtliche Exekutionen von Zivilisten oder Kriegsgefangenen, die mancherorts in Massaker und im Falle der Armenier in eine genozidale Dimension mündeten, wiesen bereits Aspekte des “totalen Krieges” auf und stellen eine Art Vorgeschichte des Holocaust dar. Der Krieg erzeugte zudem eine besondere Rechtfertigungsideologie, die fortwirkte.

Cornelissen2
Conze2

Prof. Dr. Eckart Conze referierte über die sich verändernde Rezeption des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in der Geschichte der Bundesrepublik.
In seinem Überblick über die Geschichte, wie der Widerstand seit dem Zweiten Weltkrieg in der deutschen Gesellschaft wahrgenommen wurde, stellte Prof. Conze das komplexe Zusammenwirken verschiedenster Faktoren dar, die gesellschaftliches historisches Bewusstsein und Erinnerungs- oder Geschichtskultur prägen. Während in der DDR der Widerstand durch politische Vorgaben lange Zeit auf den kommunistischen Widerstand reduziert war, war die Frage des Widerstandes überhaupt in der restaurativen Atmosphäre der westdeutschen Gesellschaft zunächst problembehaftet. Im Zuge der Wiederbewaffnung rückte dann der militärische Widerstand in den Mittelpunkt und Mitte der 50er Jahre wurde der 20. Juli zum Gedenktag erhoben, während ebenfalls aus politischen Gründen, der politische Widerstand von links ausgeblendet wurde.

Ambivalenzen der handelnden Akteure spielten und spielen dabei zum Teil bis heute eine große Rolle in den Kontroversen, so wollten z.B. die Briten in der Nachkriegszeit keine ”Verherrlichung” der preußischen Offiziere, die Hitler anfangs unterstützt hatten, währen die Ehrung kommunistischer Widerständler auch nach der Wiedervereinigung noch umstritten ist.
Dabei driften Forschung und öffentliches Gedenken durchaus auseinander, denn seit den 1960er Jahren hat sich in der Forschung die historisch-politische Analyse zunehmend ausgeweitet, wenn auch erst seit den 1990er Jahren verstärkt andere als die bisher in der verengten Wahrnehmung dominierenden Gruppen in den Fokus der Untersuchung geraten sind.

Liepach1

Dr. Martin Liepach stellte die Konzeption  des Projekts„1914-2014: Europe lost & found in war and peace“ sowie einige Ergebnisse daraus vor. In diesem grenzüberschreitenden Schulprojekt des Interkulturellen Zentrums Wien beschäftigen sich Schülerinnen und Schüler aus Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Frankreich, Österreich, Serbien, Slowenien und Türkei anlässlich des 100jährigen Gedenkens mit dem Ersten Weltkrieg. Dabei recherchierten sie zu Erinnerungsformen vor Ort und tauschten die kreativen Ergebnisse untereinander aus.
So kommunizierten die Schülerinnen und Schüler der Frankfurter Liebigschule mit der Partnerschule aus Sarajevo über die unterschiedlichen Ausprägungsformen der Erinnerung an den Attentäter Gavrilo Princip.Ein Vergleich der Schulbuchinhalte in den teilnehmenden Ländern förderte gemeinsame, aber auch unterschiedliche Sichtweisen auf den Ersten Weltkrieg zutage.
Im noch laufenden Projekt stellen sich die Schülerinnen und Schüler den Herausforderungen einer gemeinsamen europäischen Geschichte, insbesondere mit Blick auf den Ersten Weltkrieg.

Frau Kampe ist in ihrem Workshop „Die Weltkriege – eine Spurensuche“ der Frage nachgegangen, wie der Erste und der Zweite Weltkrieg als zusammen- hängender Unterrichtsgegenstand fungieren können. Sie hat dabei beispielhaft ein Krieger- denkmal für beide Weltkriege einer näheren Betrachtung unterzogen sowie einen Rundgang zu verschie- denen Kriegerdenkmalen vorgestellt. Auch der Lernort Kriegsgräberstätte und die Möglichkeiten der außerschulischen Bildungsarbeit wurden thematisiert. In methodischer Hinsicht wurde erläutert, wie eine Erkundung eines Denkmals/einer Kriegsgräberstätte praktisch durchführbar ist, wie Internetseiten wie die „Gräbersuche online“ als Recherchemittel herangezogen werden können und Feldpostbriefe ergänzend eingesetzt werden können. Auch auf die Möglichkeit, eine Spuren- suche im Rahmen einer Projektwoche, im Rahmen einer Studienfahrt, als langfristige Gruppenarbeit, als Präsentations- prüfung oder besondere Lernleistung wurde hingewiesen. Ziel sollte es bei allen Überlegungen einer solchen Spurensuche sein, nicht nur fachliche Kompetenz zu erlangen, sondern gerade auch die Wahrnehmungs- und Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler zu entwickeln.

 

Kampe

Links:
100 Jahre Erster Weltkrieg - Gegen das Vergessen. Portal des Volksbundes Kriegsgräberfürsorge, Handreichung Projektmöglichkeiten auf Kriegsgräberstätten (pdf, 1,6 MB), Gräbersuche online
Angebote der BpB: Mahnmal Erster Weltkrieg ;
Zeitalter der Weltkriege

Zum Thema Erster Weltkrieg siehe auch unsere Themenseite.

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