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Historische Erinnerung

Verband Hessischer Geschichtslehrerinnen und -lehrer VHGLL

Staatstheater_Wiesbaden-Schiller

Giebel des Eingangs zum Staatstheater, Foto W. Geiger

Wolfgang Geiger

Die Toten sind nicht tot.
Historische Erinnerung angesichts neuer Herausforderungen

Vortrag in der ASSISTEJ-Werkstatt, Wiesbaden 2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / ASSITEJ e. V. / WIR in Wiesbaden | Deutschland
Deine, meine, unsere Geschichte(n)?
Erinnerungskultur im Kinder- & Jugendtheater

Fr, 17.05.2019
JUNGE WOCHE | INTERNATIONALE MAIFESTSPIELE 2019 | EINTRITT FREI | WARTBURG
11:00 - 17:00

Ceux qui sont morts ne sont jamais partis
Ils sont dans l’ombre qui s‘éclaire
Et dans l’ombre qui s’épaissit.

Die tot sind, sind ne von uns gegangen
Sie sind im Schatten, der sich erhellt
Und im Schatten, der sich verdunkelt
.

Francis Bebey
Kamerunesischer Schriftsteller und Musiker
Aus dem Lied : "Les morts ne sont pas morts", 1978

 

1. Eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad?

Am 17. Januar 2017 forderte der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke in seiner Rede vor der Parteijugend in Dresden „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Ein Sturm der Empörung vor allem über seine damit verbundene Äußerung zum Berliner Holocaust-Mahnmal als „Schandmal“ ging durch die Medien. Übersehen wurde dabei, dass es sich nicht nur um die Einzelmeinung eines Politikers handelt, der bis zu seiner politischen Karriere in Thüringen Geschichtslehrer in Hessen gewesen war. Die Forderung nach Revision unseres Geschichtsbildes, denn darum geht es, ist viel weiter verbreitet und hat schon längst den Kampf darum eröffnet. Diese inhaltliche Auseinandersetzung hat die Öffentlichkeit, wenn man die Medien als solche betrachten will, jedoch kaum interessiert. Ich wurde damals gefragt, ob Höcke Mitglied im Hessischen Geschichtslehrerverband war oder noch sei und wenn ja, ob er es bleiben dürfe, ob er überhaupt weiter Beamter sein könne. Wer einzig und allein so reagiert, tut genau das, was den Medien von jenen vorgeworfen wird. Eine inhaltliche Reflexion darüber, was im Zentrum der Erinnerungskultur stehen soll und warum, fand nicht statt. Von meiner Erklärung zur Sache wurde in der Zeitung, die mich befragte, nichts gedruckt, nur zum Thema Mitgliedschaft usw. (Höcke war nie Mitglied). Die Presseerklärung, die ich daraufhin im Namen des Verbandes an alle hessischen Zeitungen geschickt habe, wurde nirgendwo aufgegriffen, dabei hätte hier eine kurze Meldung mit dem Verweis auf unsere Website genügt, wo unsere Erklärung zu den Äußerungen Höckes steht: „Heute wird die Erinnerungskultur revidiert, morgen die Geschichte“, so war und ist zu befürchten. Um diese Geschichte und diese Erinnerungskultur soll es auch hier gehen

 

2. Historische Erinnerung, Erinnerungskultur

Wenn wir gemeinhin von Erinnerung sprechen, meinen wir das Erinnern an persönlich Erlebtes. Historische Erinnerung greift weiter aus, will auch und gerade Vergangenes vergegenwärtigen, das nicht persönlich erlebt werden konnte. Insofern ist schon der schulische Geschichtsunterricht ein Teil – und ein wesentlicher Teil! – des institutionalisierten Vergegenwärtigungsprozesses, der zu einer kollektiven Erinnerung oder einem kollektiven Gedächtnis führt oder führen soll.

Die Geschichtsschreibung selbst, soweit wir sie zurückverfolgen können, begann bei Herodot mit dieser Zielsetzung: „auf daß die menschlichen Werke bei der Nachwelt nicht in Vergessenheit geraten, und damit große und wunderbare Taten der Griechen und Barbaren [= der Perser] nicht ohne Gedenken bleiben.“ Herodot überschritt dann diesen eng gezogenen Zielhorizont bei weitem, aber von diesem grundsätzlich positiven Blick zurück geleitet. Wenn wir von Erinnerungskultur heute sprechen, geht es eher um den „neuen Engel der Geschichte“, wie ihn der Philosoph Walter Benjamin sah, inspiriert von dem Bild Angelus Novus von Paul Klee und dem bereits nach Palästina ausgewanderten jüdischen Denker Gershom Scholem, dem Benjamin das von ihm erworbene Bild zur Aufbewahrung nach Jerusalem schickte. Unter Umständen wäre es sonst verschollen und selbst Opfer dessen, wovor es nach Benjamin mahnen soll. Kurz bevor Benjamin sich 1940 auf der Flucht vor den deutschen Besatzern an der französisch-spanischen Grenze das Leben nahm, sah er in dem „Neuen Engel“ keinen Verkünder froher Botschaft, sondern einen auf die Vergangenheit zurückblickenden und von der Katastrophe erschreckten Engel. Einer daran anschließenden Interpretation folgend, besteht nun die Aufgabe der historischen Erinnerung darin, dass die Leiderfahrung der vergangenen Generationen nicht „umsonst“ gewesen sei. Und umgekehrt analog zu Herodot kann dieser nun negative Blick zurück uns leiten, gleichwohl ohne unseren Horizont darauf zu verengen – ich komme darauf noch verschiedentlich zurück.

Historische Erinnerung oder Gedächtnis? Ich bevorzuge Erinnerung, weil darin stärker der Prozess des Erinnerns, seine Subjektivität und Wandelbarkeit, enthalten ist, in Gedächtnis steckt eher das verfestigte, scheinbar objektive Resultat. Über die Schule hinaus bildet sich eine Erinnerungskultur, im öffentlichen Raum und auch offiziell durch Formen des Gedenkens, staatlich oder zivilgesellschaftlich etabliert, oder beides zusammen, durch die Medien vermittelt oder auch geschaffen, oder durch gesellschaftliche Initiativen ins Leben gerufen. Erinnerungskultur mit der Betonung auf dem zweiten Teil des Wortes (-kultur) kann selbstverständlich auch kulturelle Formen im wörtlichen Sinne annehmen, sie kann in Szene gesetzt werden. Dies ist Anlass und Hintergrund für diese Tagung.

Zum Erfreulichsten gehören erinnerungskulturelle Initiativen und Inszenierungen von Jugendlichen, seien sie über die Schule vermittelt oder auch nicht. Besonders erfreulich deswegen, weil sie sich engagieren für etwas, mit dem sie biographisch gerade erst konfrontiert wurden, das sie herausgefordert hat. Und dies oft genug unabhängig von der persönlichen Herkunft der Jugendlichen.

Historische Erinnerung kämpft gegen das Vergessen und will Vergangenes für uns im Bewusstsein halten, im oben genannten Sinne vor allem als Mahnung, was nicht heißt, dass nur das Negative uns mahnt, auch das Positive tut es, selbst wenn es vom Negativen überwältigt wurde. Mahnung ist immer Mahnung vor etwas aber auch Mahnung an, für oder zu etwas.

Die Vergangenheit kann man sich nicht aussuchen, wohl aber, wie man mit ihr umgehen will. „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie!“ schrieb Schiller in seinem Gedicht Die Künstler um 1782, und ich muss zugeben, dass ich erst durch das Zitat über dem Eingang des Staatstheaters hier darauf aufmerksam wurde. 

 

3. Die Toten sind nicht tot.

Ich erinnere mich manchmal an das Lied des 2001 verstorbenen Kameruner Liedermachers und Schriftstellers Francis Bebey, Les morts ne sont pas morts - Die Toten sind nicht tot. Das Lied thematisiert im engeren – und in meiner Rezeption dann auch in einem weiter gefassten Sinne – die animistische Vorstellung von der Beseeltheit der Natur, in der auch die Toten nicht vergangen – weggegangen – sondern unsichtbar weiter unter uns sind. „Die tot sind, sind nie von uns gegangen“, heißt es darin, „sie sind im Schatten, der sich erhellt, und im Schatten, der sich verdunkelt.“ Vor langer Zeit, es muss wohl 1980 gewesen sein, hatte ich als Student Gelegenheit, im Rahmen eines Uni-Seminars Francis Bebey persönlich zu begegnen, der anlässlich der Frankfurter Buchmesse an die Universität Frankfurt eingeladen worden war. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er beim Vortrag seines Liedes, ganz wie auf der Schallplatte, lautmalerisch und auf die Gitarre klopfend die Geräusche erzeugte, die an die Präsenz der Ahnen erinnern sollten. Abends beim aufgelockerten Gespräch im Frankfurter Künstlerkeller kamen wir dann natürlich auf die Erinnerung an die europäisch-afrikanische Geschichte zu sprechen, an den Sklavenhandel, den Kolonialismus. Francis Bebey hob abwehrend die Hände und sagte: „Ihr jungen Leute müsst nicht immer nur an die schrecklichen Dinge denken, die eure Vorfahren verübt haben. Das ist nicht eure Schuld. Das ist lange her und vergangen.“ Worauf ich erwiderte: „Aber Monsieur Bebey, Sie wissen doch: Die Toten sind nicht tot.“

Ich meine, Francis Bebey hatte mit beidem Recht: mit der Botschaft seines Liedes, die für mich erinnerungskulturell von universeller Bedeutung ist – Die Toten sind in diesem Sinne eben nicht tot –, aber auch mit der Mahnung, die Erinnerung nicht ausschließlich und geradezu obsessionell auf Fragen der Schuld zu verengen.

 

4. Jugend ohne Erinnerung?

Erfahrungen aus der schulischen Praxis und die pädagogisch-soziologische Forschung liefern uns ein komplexes Bild des Erinnerns von Jugendlichen. Mindestens einmal jährlich vermitteln uns spektakuläre Umfragen das Bild von soundsoviel Prozent der Jugendlichen – in einer Umfrage 2017 sollen es 40% gewesen sein –, die entweder mit dem Namen Auschwitz, in diesem Falle genauer Auschwitz-Birkenau, oder mit dem Begriff Holocaust nichts anfangen können. Regelmäßig wird dafür dann die Schule schuldig gemacht oder, wie jüngst durch Michael Wolffsohn anlässlich des Auschwitz-Gedenktages, eine mangelhafte Erinnerungskultur. Die aus diesen Untersuchungen gewonnenen Schlussfolgerungen, vor allem in ihrer durch die Medien vulgarisierten Form, sind jedoch in vielen Fällen zweifelhaft und zumindest in Teilen nachweisbar unseriös. Schon weil in den Zitaten in den Medien Fragmente aus verschiedenen Umfragen zusammenhanglos herausgegriffen werden, z.T. miteinander vermengt, und nach dem Prinzip der „Stillen Post“ verzerrt. Wenn man die verwirrenden Angaben zwischen Umfragen und ihren Interpretationen in den Medien auseinanderdröselt, erkennt man, dass keineswegs „die Schüler“ zu 40% nichts vom Holocaust wissen, wie etwa der Spiegel behauptet, sich dabei auf Forsa bezieht, das die Umfrage für die Körber-Stiftung durchführte, diese aber auch unvollständig wiedergibt insofern, als nicht nach Altersstufen differenziert wird. Der ARD-Faktenfinder tut dies immerhin und legt dar, dass die ab 17jährigen viel besser über Auschwitz Bescheid wissen als die Jüngeren. Von Jugendlichen ab 14 Jahren kann man aber dieses Wissen gar nicht erwarten, da sie das Thema noch nicht in der Schule behandelt haben müssen, jedenfalls nicht im Geschichtsunterricht. Die Problematik des chronologischen Durchgangs des Geschichtsunterrichts kann man gewiss bedauern, bisher ist dieses Problem noch nicht gelöst worden, beeinflusst aber deswegen das Ergebnis all dieser Studien. Wie in der Schule selbst kann man redlicherweise nur das Wissen abfragen, das man auch voraussetzen kann.

In anderen Berichten, z.B. aus der Zeit, der SZ…, wurde mit Bezug auf die „CNN-Studie“ 2018, durchgeführt vom Institut ComRes, behauptet, 40% der 18-34jährigen (!) wüssten kaum etwas über den Holocaust. Noch nicht einmal in der Zusammenfassung bei CNN findet sich solch eine Aussage. Doch selbst wenn diese von der Zeit genannte Angabe stimmte, dass 40% der Befragten „nichts oder wenig“ von Auschwitz wüssten, würde dies ein bezeichnendes Licht auf Methodik und Interpretation solch einer Umfrage werfen: Nichts oder wenig – das ist doch ein fundamentaler Unterschied! Was subjektiv als „wenig“ eingestanden wird, vielleicht nur aus Bescheidenheit, mag ja schon ausreichen im Sinne des erinnerungskulturellen Anspruchs.

Man sieht, wie sich eine pauschale Aussage von 40% Unwissen über den Holocaust vollkommen verselbstständigt.

Dann ist es auch fraglich, ob die historische Erinnerung daran unabdingbar an diesen Begriffen (Auschwitz, Holocaust) hängen muss. Als ich im Rahmen einer mehrjährigen 50%igen Abordnung an das Jüdische Museum Frankfurt für Lehrerfortbildungen und pädagogische Projekte einmal einer 8. Klasse (nicht meine Klasse) das Museum Judengasse vorstellte, wo die historischen Fundamente des Frankfurter Ghettos aus der Frühen Neuzeit zu sehen sind, äußerten mehrere der Achtklässler, kaum durch die Museumstür gekommen, Fragen wie: „Sind hier die Juden umgebracht worden?“ In ihrer Vorstellung wurden Juden zu allen Zeiten umgebracht. Das habe ich auch immer wieder bei meinen eigenen Schülerinnen und Schülern erlebt, die mich dann auch ab und zu fragten: „Wenn sie dauernd verfolgt wurden, warum sind sie denn in Europa geblieben?“

Die Frage nach dem Wissensstand der Jugendlichen ist daher aus der pädagogischen Erfahrung heraus eine vollkommen andere. Noch bevor das Thema Holocaust im Unterricht behandelt wird, haben die meisten Schülerinnen und Schüler bereits Vorstellungen davon und unser Problem besteht deswegen auch vorwiegend nicht ihrem Nicht-Wissen, sondern in ihrem Halbwissen und z.T. falschen Vorstellungen.

5. Schwierige Vergangenheit

Die Vergangenheit bleibt also schwierig, aber anders schwierig als früher. Oft werden alle KZs für Vernichtungslager gehalten und Hitler hatte angeblich seinen Plan zur Judenvernichtung von Anfang an verfolgt. Dass der systematische Judenmord nicht einmal vier Jahre lang dauerte, können viele Schülerinnen und Schüler kaum fassen, ebenso wenig, dass es bis zum Kriegsbeginn die Möglichkeit der Auswanderung gab und diese sogar beabsichtigt war. Nach dem „Anschluss“ Österreichs wurde von der SS auch in Wien die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ eingerichtet und von Adolf Eichmann geleitet, um zunächst die zwangsweise Emigration der Juden zu organisieren. Das war Eichmanns erster Auftrag.

Darf man auch daran erinnern, im Schulunterricht und überhaupt, relativiert es nicht schon den Holocaust? Wenn meine Schülerinnen und Schüler von der Emigration lesen oder hören, führt sie das oft zu einer fatalen Schlussfolgerung, analog zu der oben schon zitierten: „Warum sind sie denn geblieben, wenn sie flüchten konnten?“ Woraus bereits eine Art Mitschuld an ihrem eigenen Schicksal angedacht wird, gewiss unbewusst, und ungewollt im sozusagen osmotischen Übergang zum Antisemitismus: Die Schuldhaftigkeit des Da-Seins. Denn die Jugendlichen – ich pauschalisiere jetzt hier, gewiss – können auch gar nicht verstehen, dass man das damals nicht alles voraussehen konnte, oder sogar wenn, dann oft gar nicht wahrhaben wollte. „Da war die Studienrätin“, schreibt Ruth Klüger aus ihrer Erinnerung in weiter leben, „die nach ihrer Ankunft in Auschwitz angesichts der rauchenden, flammenden Kamine mit Überzeugung dozierte, daß das Offensichtliche nicht möglich sei, denn man befinde sich im 20. Jahrhundert und in Mitteleuropa, also im Herzen der zivilisierten Welt.“   

Auch solches müssen wir nachvollziehen, wahrhaben wollen. Und wenn man im Unterricht die Schwierigkeiten der Emigration aufzeigt, nicht nur, dass man sich erst dazu durchringen musste, weil man fast alles zurücklassen musste, sondern auch, dass andere Länder wenig bereit waren, Juden aufzunehmen, wie es auf der Konferenz von Evian 1938 eklatant zutage trat, dann bekommen die anderen Staaten und namentlich die späteren Alliierten ganz schnell auch eine Mitschuld zugeschrieben. Auch die USA waren 1938 nicht bereit, das bestehende Kontingent für die Einwanderung deutscher und österreichischer Juden von jährlich 27 370 Personen aufzustocken, und de facto konnte diese Quote aufgrund der restriktiven Einreisebestimmungen noch nicht einmal erfüllt werden. Haben die anderen Länder also eine, wenn auch nur indirekte, Mitschuld? Und wenn ja, dürften wir das sagen, ohne gleich in das Raster der Relativierung deutscher Schuld zu fallen?

 

6. Erinnerung ist immer subjektiv.

Erinnerung ist subjektiv: Bestimmte Dinge haben wir in guter Erinnerung, andere in schlechter, und an manches wollen wir uns eigentlich gar nicht erinnern, wir verdrängen es lieber. In der Erinnerungskultur ist das nicht anders. Lange genug wurde nach dem 2. Weltkrieg alles gerne verdrängt, was mit einer Schuld zu tun haben konnte, die nicht auf eine Gruppe in Nürnberg angeklagter und verurteilter Verbrecher reduzierbar war. Dass es bis zum Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 ein „Labyrinth des Schweigens“ gab, nach dem Titel des gleichnamigen Films, wundert uns heute nicht mehr so.

Doch es bedurfte erst des von Elie Wiesel als „an der Grenze zur soap opera“ qualifizierten Fernsehvierteilers Holocaust, bis der Begriff und die Sache, die er beschreibt, einen zentralen Platz in der kollektiven Erinnerung der (damals noch West-)Deutschen bekommen konnten. Die Zuschauerbriefe auf die Ausstrahlung im westdeutschen Fernsehen brachte, grob eingeteilt, zwei Arten von Reaktionen: Die einen konnten es kaum glauben, dass es das gegeben hat, waren also von der Wahrheit überwältigt; die anderen wollten es nicht glauben oder zumindest relativieren, waren also auch von der Wahrheit schockiert, aber ablehnend. Symptomatisch erscheint mir der ikonographische Vergleich zwischen Film-Werbebild und Titelcover des Spiegel: Dem Spiegel  (nomen est omen!?) zufolge  war der schockierte Blick zuvorderst nicht auf die Opfer, sondern auf die Täter gerichtet. Die Last der Schuldfrage bewirkte einmal mehr die Unfähigkeit zu trauern, möchte man meinen.

Und zwei Jahrzehnte später noch erzeugte die Wehrmachtsausstellung eine ähnliche Kontroverse, einige Fehler der Ausstellung wurden auch der ersten Version zum Verhängnis. Doch es ging ums Grundsätzliche: Dass die Wehrmacht in die Massenverbrechen der Nazis zutiefst involviert war, mochten damals, 50 Jahre nach Kriegsende, noch viele nicht glauben, auch aus der Politik kam damals massiv der Vorwurf, dass die Ausstellung pauschal die Wehrmachtangehörigen verunglimpfe – auch von Richard von Weizsäcker, der zehn Jahre zuvor am 8. Mai 1985 mit seinem Wort von der „Befreiung“ durch die Kapitulation selbst Aufsehen und Widerspruch erzeugt hatte, sich nun aber über „die Selbstgerechtigkeit der Nachgeborenen“ empörte.

Und heute wird über die Kritik am sog. „Schuldkult“ versucht, die Bedeutung dieser zwölf Jahre für die Geschichte wieder zu minimieren, nicht nur mit dem bekannten „Vogelschiss“-Vergleich.

Erinnerungskultur ist daher nichts objektiv Gegebenes, sondern ist subjektiv geprägt – im Erinnern wie im Verdrängen, im Benennen wie im Verschweigen.

 

7. Nationaldeutsche Erinnerungskultur und multikulturelle Gesellschaft.

Deutsche Erinnerungskultur steht auch vor einer anderen Herausforderung, nämlich wie sie sich in einer multikulturellen oder heterogenen Gesellschaft oder angesichts von Diversität – oder wie man das in immer neuen Begriffen definieren mag – positioniert. Es gibt diese Diskussion auch im weiteren Sinne über den Geschichtsunterricht generell.  Soll sich – und wie? ‒ der Geschichtsunterricht verändern angesichts migrantisch oder multikulturell geprägter Schulklassen? Mit der Realität der heterogenen Schülerpopulation wurde so die Forderung nach einem globalgeschichtlichen Geschichtsunterricht begründet, der zumindest ansatzweise die Herkunftsregionen der Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunft in seinen Horizont einbezieht. Ich habe immer die dahinter stehende Logik kritisiert, die die Geschichte nicht nach ihren Notwendigkeiten, sondern nach den Adressaten ihrer Vermittlung definiert. Im Umkehrschluss bräuchten dann nämlich herkunftsdeutsch weitgehend homogene Klassen keine weltgeschichtliche oder multikulturelle Perspektive und dürften dann ihre nationaldeutsche Nabelschau zu Recht betreiben. Absurd! Diese homogenen Klassen – und in manchen Teilen Deutschlands gibt es sie ja wohl noch – bräuchten die Horizonterweiterung vielleicht umso mehr. Ein globalgeschichtlicher Horizont und eine kulturelle Multiperspektivität sind schlicht eine Notwendigkeit des Geschichtsverständnisses, weil zu allen Zeiten geschichtliche Realität gewesen. Doch das ist schon wieder ein Thema für sich…

Ähnlich ist es aber auch mit der Erinnerungskultur. Wir dürfen uns nicht auf unsere nationaldeutschen Befindlichkeiten reduzieren, diese aber auch nicht in der Umkehrlogik relativieren. Menschenrechte und ihre Negation bis hin zur institutionalisierten Unmenschlichkeit sind ein zwiespältiges Erbe der ganzen Menschheit, sie erschrecken im Rückblick und sie mahnen für die Zukunft. Den Blick daraufhin zu erweitern kann aber ebenfalls nicht nur ein Reflex auf die Zusammensetzung von Schulklassen sein.

In der Debatte um „Erinnerungskultur in der Einwanderungsgesellschaft“, wie es oft heißt, sehe ich diese Tendenz jedoch auch mehr oder weniger ausgeprägt. Dieses „Othering“ der Anderen zeigt sich übrigens auch oft genug im Rückblick auf die deutsch-jüdische Geschichte, wenn z.B. Adorno als „jüdischer Philosoph“ charakterisiert wird. Jude war Adorno aber nur in der Klassifikation der Nürnberger Gesetze, sogar nur „Halbjude“, mit einem jüdischen Vater und eine katholischen („arischen“) Mutter. Er wurde katholisch getauft und hat sich selbst nie als Jude verstanden, weder als Mensch noch als Philosoph. So zeigt sich hier tatsächlich – leider – eine unerwartete Parallele in der Herangehensweise an beide Themen. Es gibt auch eine wohlmeinende Ausgrenzung des anderen und ich komme im Kontext der deutsch-jüdischen Geschichte noch einmal gesondert darauf zurück.

So sehe ich auch die Gefahr, dass aus einer schematischen Aufteilung von kultureller und identitärer Zugehörigkeit Zuschreibungen entstehen, die die Adressaten mit Migrationshintergrund in eine Rolle drängen, die sie vielleicht gar nicht einnehmen wollen. Oft wird da manch einer oder eine fremder gemacht als er oder sie ist oder sein will, zu Quasi-Repräsentanten ihres Herkunftslandes, die sie vielleicht gar nicht sein wollen, Träger traumatischer Erfahrungen, die sie in der Klasse – vor der Klasse – gar nicht äußern können. Dies betrifft nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene. Gewiss gibt es Einzelne, die dafür eine innere Hürde überspringen, weil ihr Mitteilungsbedürfnis größer ist als ihre Hemmung, fast Unaussprechliches zur Sprache zu bringen. Aber wir kennen es doch von Überlebenden des Holocaust – wieder eine Parallele! – oder, viel allgemeiner, von Gewalt- und Vergewaltigungsopfern, dass es mehrheitlich zunächst nicht so einfach ist, und dass die diesbezüglichen Hemmungen eines solchen, ja, „Outings“ schon bei weit weniger traumatischen Erfahrungen beginnen. Falsch ist es daher, eine solche Erwartungshaltung an sie zu richten, die einen entsprechenden Druck auf sie ausübt: „Jetzt erzähl‘ doch mal…!“

Wie divers ist unsere Schülerpopulation? Klassifizierungen bringen ein bedenkliches Ihr und Wir in die Betrachtung. In ihrer Untersuchung zu Holocaust Education in der heterogenen Gesellschaft hat Christina Isabel Brüning diese Problematik seht gut auf den Punkt gebracht, mit einer umfassenden Referenz zu existierenden Veröffentlichungen dazu sowie aufgrund eigener Erfahrungen in ihrem Unterrichtsprojekt an Berliner Schulen. Eine Absurdität, der sie begegnet ist, möchte ich zitieren:

„So waren beispielsweise bei einer der hier untersuchten Klassen 98 Prozent der Schüler*innen der betreffenden Schule als ‚ndHs‘ (‚Schüler*innen nicht-deutscher Herkunftssprache‘) in der offiziellen Schulstatistik aufgeführt, tatsächlich waren allerdings in der konkreten Klasse bis auf zwei Schüler*innen alle in Berlin geboren, hatten (fast) alle die deutsche Staatsbürgerschaft, verstanden und bezeichneten sich allerdings – je nach Kontext und Interviewfrage – auch als Libanese*in, Kurde*in, Italiener*in […]“ usw.

Hinter einer verfehlten Ihr/Wir-Dichotomie verbirgt sich in der Realität eine Situation, wonach die „ndHs“ genauso heterogen sind wie die herkunftsdeutsche Community, entsprechend falsch sind daher vorweggenommene Schlussfolgerungen – um nicht zu sagen Vorurteile –, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund per se etwa ein distanzierteres Verhältnis zur Aufarbeitung des Themas Holocaust hätten als herkunftsdeutsche, in dem Sinne, dass sie das ja weniger betreffe. Persönliche Betroffenheit ist aber auch bei herkunftsdeutschen Jugendlichen längst nicht mehr der Zugang zum Thema Holocaust, eine persönliche Betroffenheit kann daraus natürlich entstehen, sie aber vorauszusetzen und einzufordern, erzeugt, wie wir seit vielen Jahren aus der Erfahrung und entsprechenden Untersuchungen wissen, eher Aversionen gegen die „NS-Traumatik“, wie es eine Schülerin einmal geradezu genial formulierte, dokumentiert in einer Untersuchung zum Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht Die übergroße Mehrheit der Jugendlichen spricht sich für die Erinnerung an die NS-Verbrechen aus, stellten Dana Giesecke und Harald Welzer nach einer Umfrage von 2010 fest (– nicht alle sind schlecht –), aber „40 Prozent der Jugendlichen glauben, sich beim Thema NS-Zeit ‚politisch korrekt’ verhalten zu müssen, 43 Prozent fühlen sich genötigt, ‚Betroffenheit‘ zu zeigen.“

Der Erwartungshorizont von Jugendlichen entspricht somit nicht unbedingt dem Erwartungshorizont, den vor allem Lehrerinnen und Lehrer an sie haben. Es kommt sehr darauf an, wie man mit dem Thema umgeht. Ritualisierung und Zwanghaftigkeit kann schnell zum Gegenteil dessen führen, was man sich erhofft.

Der Geschichtsunterricht reagiert auf diese Entwicklung, wenn auch gewiss nicht in dem Tempo und dem Ausmaß, wie sich die Kritiker das wünschten. Inhaltlich vollzieht sich langsam eine Horizonterweiterung über nationaldeutsche Themen hinaus, das Nachdenken über Geschichte im erinnerungskulturellen Sinne rückt dagegen deutlich stärker in den Fokus. Der zeitliche Abstand zu den Geschehnissen verändert unsere Wahrnehmung, der dabei drohende Bedeutungsverlust kann durch erinnerungskulturelle Anstrengung wettgemacht werden. Wie schon gesagt, kommt es dabei aber auch auf das Wie an.

 

8. Horizonterweiterung(en)

a) Nach außen (= über den nationaldeutschen Rahmen hinaus)

Die immer wieder beschworene Singularität des Holocaust hat leider auch zu einer Verengung der erinnerungskulturellen Perspektive geführt. Dies hat sich schon im Konflikt zwischen den Opfergruppen der NS-Vernichtungspolitik gezeigt. Die mentale Verinnerlichung von Schuld und Sühne – ja, warum nicht auch dieser Begriff? –, und der daraus folgenden Verantwortung für heute und morgen erstreckt sich aber dagegen fast gar nicht auf die Verbrechen, die im Rahmen des Kolonialismus verübt wurden. Gerade jüngst wieder hat sich dies, was Deutschland betrifft, im Falle des Völkermordes an den Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, gezeigt. Die jetzt erfolgte oder noch erfolgende Rückgabe geraubter Kunst, auch von anderen Ländern, halte ich – mit Verlaub – für eine Alibihandlung, nicht seitens der entsprechenden Forderung der ehemaligen Kolonisierten, sondern seitens der ehemaligen Kolonialherren. Den Menschen werden Kunst- und andere Gegenstände ihrer Vorfahren zurückgeben; dass denen viel mehr geraubt wurde, ist kein Thema; und dass viele dieser Vorfahren massenhaft ermordet wurden, wie im Fall der Herero und Nama, ja vielleicht sogar persönlich die ursprünglichen Besitzer dieser Gegenstände, ist keine „Wiedergutmachung“ wert (– welch ein schönes deutsches Wort, das so viel aussagt!). Über alle Maßen grotesk, aber symptomatisch, erscheint mir die Rückgabe der Bibel von Hendrik Witbooi, ohne dass in den Medienberichten darauf eingegangen wurde, dass der als „namibischer Nationalheld“ apostrophierte Witbooi im Kampf gegen die Unterdrückung durch das deutsche Kolonialregime getötet wurde. Das Stuttgarter Lindenmuseum immerhin sprach Klartext zu den Umständen der Herkunft der Bibel.

Es geht dabei nicht nur um materielle „Wiedergutmachung“, die es im Wortsinne ohnehin nicht geben kann, mit Taxierungen, wieviel ein Menschenleben wert ist, aber eine entsprechende Hilfe gezielt für die Nachkommen der Ermordeten stünde der Bundesrepublik gut an.

Der Bundestag hat nun, spät genug, endlich den Genozid an den Armeniern verurteilt – als den der anderen, die deutsche Beteiligung durch Militärs und Diplomaten vor Ort aber übergangen. Der eigene, der zur Gänze eigene (im historischen Sinne natürlich) Genozid in Deutsch-Südwestafrika wurde bislang von der Bundesregierung nur halbherzig anerkannt und verurteilt und vom Bundestag explizit nicht als Völkermord, weil es den Straftatbestand Völkermord damals noch nicht gegeben habe. Das gälte dann allerdings auch für das Osmanische Reich und die Armenier und letztlich sogar für den Holocaust. [21c] Nulla poena sine lege – „keine Strafe ohne Gesetz“ war ja auch das Argument der Verteidiger der Angeklagten in Nürnberg.

Eine erinnerungskulturelle Horizonterweiterung darf andererseits aber das eine auch nicht gegen das andere ausspielen, nicht mit zweierlei Maß messen, aber auch nicht alles über einen Kamm scheren, nach dem Motto: Völkermord gab es immer schon, da war der Holocaust doch nichts Besonderes mehr. Auch darauf ist zu achten.

Diese Horizonterweiterung kann somit ein besonderes Angebot für Herkunftsdeutsche wie Nicht-Herkunftsdeutsche sein, die deutsche Geschichte auch erinnerungskulturell mit der Geschichte von Anderen zu verbinden, in die Weltgeschichte einzuordnen und daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen. Das dies aber nicht zwangsläufig zu einer harmonischen Synthese führt, zeigt uns gerade das Armenierthema.

 

b) Nach innen (=innerhalb des nationaldeutschen Rahmens)

Zum Schluss möchte ich aber auch noch auf die Notwendigkeit einer inneren Horizonterweiterung in unserer nationalen Erinnerungskultur hinweisen.

Seit der Wende von der Verdrängung der Schuld am Holocaust zur historischen und erinnerungskulturellen Aufarbeitung und, ja, zum Bekenntnis dazu, hat ein dialektischer Umschlag stattgefunden zu einer historischen Erinnerung im Zeichen des Mea culpa. Jüdische Geschichte wird fast nur als Verfolgungsgeschichte dargestellt und in deren Aufzeigen als Mahnung soll eine moralische Abarbeitung von Schuld erfolgen. Dies heute zu sagen, läuft schon Gefahr, sich in die Logik der Dresdner Rede von Björn Höcke zu begeben. Ich habe dies aber schon vor vielen Jahren in Vorträgen zur Stellung der jüdischen Geschichte in unserem Geschichtsbewusstsein und zur Darstellung in Schulbüchern dargelegt, und selbstverständlich mit einer ganz anderen Zielsetzung als Höcke & Co., unter anderem vor dem Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit 2012 in Bonn.

Seit vielen Jahren wird die verengte Wahrnehmung von Juden als Opfer, in einer vermeintlichen Kontinuität vom mittelalterlichen Pogrom bis zum Holocaust, kritisiert, weil dies eine Verzerrung der historischen Wirklichkeit ist und die Leistungen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, ihre Emanzipationsgeschichte und ihre gesellschaftliche Integration ausblendet und unbewusst die Juden als ständige Opfer von Verfolgung nochmals im Geschichtsbewusstsein gesellschaftlich ausgrenzt. Letztlich wird damit sogar noch ungewollt ein Ziel der Nazis erfüllt, sie nämlich nie als Teil der deutschen Geschichte, nie als zugehörig erscheinen zu lassen, sondern stets als Fremde. Da werden noch in heutigen Schulbüchern Ghettos und gelbe Flecken an der Kleidung fürs Mittelalter erfunden, die es damals gar nicht gab, sondern erst später, mit dem Übergang zur Neuzeit, und immer wieder musste ich im Unterricht feststellen, dass meine Schülerinnen und Schüler die jüdischen Deutschen noch in der Weimarer Republik als quasi Ausländer betrachten, obwohl selbstverständlich im Unterricht zur Sprache kam – aber offenbar nicht genug –, dass sie lange zuvor deutsche Staatsbürger geworden waren und dies schon 1848 geworden wären, wenn die Paulskirchenverfassung denn zur Geltung gekommen wäre.

Die Geschichte von 1848 zeigt auch, dass Grundrechte generell und jüdische Gleichberechtigung speziell keine verschiedenen Themen sind sondern Aspekte ein und desselben Themas.

Bundespräsident Steinmeier hat vor zwei Monaten in Erinnerung an die Märzrevolution 1848 äußerst verdienstvoll die mahnende Frage erhoben: „Warum tut unser Land nicht mehr für die Erinnerung an seine demokratische Tradition? […] Wir haben unsere Freiheits- und Demokratiegeschichte in unserem Denken über Zukunft zu lange vernachlässigt, und das sollten wir ändern. […] Was sich nicht wiederholen soll, darf nicht vergessen werden. Aber auch an das, was Vorbild war, was Bestand und Zukunft haben soll, muss erinnert werden.“

In der Tat haben wir seit langem eine Kultur negativer Erinnerung, mehrfach historisch bedingt, durch die Vergangenheit vor und die Geschichte seit 1945. Negative Erinnerung, auch dies konnte ich 2012 in meinem schon erwähnten Vortrag vor dem deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit ansprechen, ohne mich, wie heute, von politischen Ansichten abgrenzen zu müssen, die n der Zwischenzeit bereits Eingang in den Bundestag gefunden haben. Und Aleida Assmann hat schon 1998 bezüglich der Paulskirchenrede von Martin Walser erklärt, dass der Vorwurf des „negativen Nationalismus“ nicht per se abgewehrt werden dürfe, denn er enthalte eine durchaus richtige Feststellung.

Dies zeigte sich – und tut es in gewisser Weise noch – auch im Selbstverständnis der Bundesrepublik. „Nirgendwo auf der Welt wird wie bei uns eine die eigene Identität untergrabende Erinnerung festgeschrieben“, um noch einmal Aleida Assmann von 1998 zu zitieren. Die Bundesrepublik – hier in allem übrigens der DDR diametral entgegengesetzt – verstand sich bei ihrer Gründung als ein Provisorium und sie hat noch heute deswegen kein Geburtsdatum, vermutlich als einziges Land auf der Welt. Der heutige Nationalfeiertag der Wiedervereinigung ist der erste „positive“ offizielle Gedenktag. Zuvor waren in der Bundesrepublik offizielle und offiziöse Gedenk- und Feiertage, Ereignisse des historischen Gedächtnisses, ausschließlich „negativ“ definiert, im Sinne eines Scheiterns, von der Paulskirche 1848 über die negativ definierte Weimarer Republik („Republik ohne Republikaner“) über den gescheiterten Widerstand gegen Hitler bis zum Aufstand in der DDR 1953…, die Liste ist lang.

So hat Frank-Walter Steinmeier Recht, auf die Märzrevolution zu verweisen, die als solche erfolgreich gewesen war und erst einmal die Gewährung von Grundrechten durch die Monarchen erzwungen hatte. Dasselbe gilt für die Weimarer Republik, die jetzt endlich auch in einem anderen Licht erscheint, nicht zuletzt durch 100 Jahre Frauenwahlrecht, auf das Deutschland stolz sein kann. Dass Widerstand unter dem Nationalsozialismus möglich war, d.h. auch erfolgreich sein konnte, hat bahnbrechend Schindlers Liste gezeigt, doch es bedurfte erst des spektakulären Films von Spielberg, um dem zum Durchbruch zu verhelfen, während Oskar Schindler in den 1960er Jahren in Frankfurt lebte und bis zu seinem Tode ein bekannter Unbekannter geblieben war.

Dann noch ein Wort zum 8. Mai. Negative oder positive Erinnerung? Als Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner spektakulären Rede zum Kriegsende am 8. Mai 1985 vom „Tag der Befreiung“ sprach, hätte dies eine neue positive Identifikation begründen können. Das Wort von der „Befreiung“ erregte sichtlich das Plenum des Bundestages und die ganze Republik. Nicht zufällig genau vier Jahre nach Kriegsende, am 8. Mai 1949, beschloss der Parlamentarische Rat das Grundgesetz, das am 23. Mai in Kraft trat. Der 8. Mai hätte somit in dem vom Parlamentarischen Rat vermutlich intendierten Symboldatum – genau weiß ich es nicht – vom Ende und Anfang zugleich der herausragende Gedenk-oder Geburtstag der Bundesrepublik werden können, und selbst der 23. Mai hätte sich noch als Gründungsfeiertag angeboten. Stattdessen ist der 8. Mai aber seit etlichen Jahren nicht einmal mehr eine Erwähnung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wert (Tagesthemen, Heute Journal…), es sei denn, als Feiertag der Anderen: Frankreichs, Russlands…

 

9. Fazit

Die Toten sind erinnerungskulturell noch unter uns – oder sollten es sein und auch bleiben. „Die tot sind, sind nie von uns gegangen“, heißt es im Lied von Francis Bebey, „sie sind im Schatten, der sich erhellt, und im Schatten, der sich verdunkelt.“ In diesem wunderbaren Bild der Dialektik zwischen Licht und Schatten – heute erkenne ich noch unendlich viel mehr darin als damals – kommt unser erinnerungsgeschichtlicher Zwiespalt zum Ausdruck, den wir als solchen akzeptieren müssen, beide Seiten, das heißt – jetzt im umgekehrter Reihenfolge –: Schatten, aber auch Licht.

 

 

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